Die Giganten vor Vancouver Island

Ein traumhafter Sonnenaufgang direkt vor unserem Fenster weckte mich heute Morgen noch vor dem eigentlichen Wecker. Da wir ja heute eh früh raus mussten, ging ich kurzerhand runter an den Strand und genoss die dunkelrote Sonne, die knapp über dem Meer erschien. Das Meer war spiegelglatt und am Himmel waren nur ein paar Schleierwolken zu sehen. Es schien ein perfekter Tag für unsere geplante Wal-Safari zu werden.

Ich ging also zurück ins Zimmer, wo ich Nele noch einmal daran erinnern musste, dass wir heute ja aufs Meer rausfahren würden. Sie wollte dennoch lieber liegen bleiben. Nach ein paar Minuten klappte es dann aber doch. Während Nele und ich uns möglichst warm anzogen, weil wir nicht abschätzen konnten, wie kalt es auf dem Wasser werden würde, bereitete sich Ann darauf vor, heute endlich ihre geplante Joggingrunde durchzuführen.

 

Genug Zeit zum Frühstück hatten wir heute nicht wirklich. Es gab ein kleines Müsli und dazu schmierte ich einige Brote für das Boot vor. Wir packten alles ein, was wir in den vier Stunden auf dem Pazifik brauchen könnten. Dann ging es los.

Es war nun etwa halb acht, als wir uns nach Campbell River aufmachten. Nach gut 20 Minuten kamen wir im Hafen an und fanden auch schnell das Büro unseres Anbieters „Big Animal Encounters“. Ich checkte Nele und mich ein und wir verabschiedeten uns von Ann, die in der Nähe einen Rundweg zum Joggen rausgesucht hatte. Sie würde uns hier in 4,5 Stunden wieder abholen kommen.

Nele und ich gingen rein und warteten auf die weiteren Instruktionen. Schließlich bekamen wir alle dicke, wasserfeste Anzüge, die gleichzeitig als Wind-, Wasser- und Wetterschutz dienten. Anschließend bekamen wir unsere Sicherheitseinweisung und wurden auf zwei Boote aufgeteilt. Dann ging es auch schon mit Kapitänin Jen los zum Boot.

 

Unser großes Schlauchboot mit zwei dicken 250-PS-Motoren würde uns auf den Ozean und hoffentlich zu den Walen bringen. Insgesamt waren wir zu zehnt auf dem Boot. Lustigerweise alle aus Deutschland. Neben Nele und mir fuhren noch eine Familie mit zwei weiteren Kindern und vier junge Frauen mit.

Beim Ausfahren aus dem Hafen erzählte uns Jen, was wir heute suchen würden. Sie war zuversichtlich, dass wir Buckelwale sehen würden, da diese zurzeit in großer Anzahl hier zwischen den Inseln auf Nahrungssuche waren. Bis zu 40 Tonnen schwer werden diese Tiere und fressen hier jeweils täglich etwa eine Tonne Fisch. Geschätzt waren es bis zu 30.000 Tiere in den Gewässern um Vancouver Island und dem Nordpazifik.

 

Die von uns allen erhofften Orcas konnte uns Jen nicht versprechen. Da die Tiere täglich mehrere hundert Kilometer zurücklegten, war es eher ein Zufall, ob wir sie finden würden oder nicht. Des Weiteren erzählte uns Jen, dass wir auch nach Seelöwen, Robben und Delfinen Ausschau halten würden.

Kurz nachdem wir den Hafen verlassen hatten, wurde auch schnell klar, warum wir trotz des schönen Wetters die Anzüge anhatten. Es ging sehr rasant zu und der Fahrtwind war eiskalt. Wir fuhren zunächst in Richtung Süden, um die Landzunge der nur wenige hundert Meter entfernten ersten kleinen Insel zu umschiffen und auf eine offenere Fläche zu kommen.

Wir fuhren also zunächst etwa 20 Minuten im Höchsttempo über die Wellen. Zwar war das Meer nicht sonderlich unruhig, dennoch waren auch durch andere Boote ab und zu höhere Wellen um uns herum, die uns regelrecht abheben ließen. Nach etwa 20 Minuten wurden wir schließlich langsamer, weil Jen über Funk erfahren hatte, dass in der Nähe zwei Buckelwale sein sollten.

 

Ganz langsam schipperten wir dahin und hielten Ausschau nach Luftfontänen. Und die sahen wir dann auch. In einiger Ferne tauchten zwei Wale auf. Sie holten einige Male Luft, ehe sie schließlich wieder in die Tiefe abtauchten, um zu jagen. Dabei zeigten sie uns ihre wunderschöne, große Schwanzflosse. Ein Tauchgang dauerte bei diesen Riesen etwa 5–10 Minuten, sodass wir etwas warten mussten.

Die Wale tauchten einige Male auf und wir konnten auch aus größerer Distanz das Ausatmen der beiden sehr laut hören. Es wurde schon jetzt ziemlich warm in den Anzügen, als Jen einen Funkspruch bekam, dass in unmittelbarer Nähe tatsächlich drei Orcas gesehen worden waren. Da fuhren wir natürlich sofort hin.

Es waren einige Kilometer, ehe wir eine Gruppe von drei anderen Booten erreichten. Und dann tauchten vor uns drei schwarze, spitze Finnen auf. Ein großes Männchen und zwei Jungtiere schwammen vor uns. Sie spielten teilweise und sprangen dabei sogar einige Male aus dem Wasser. Die drei glitten langsam voran, vermutlich auch auf der Suche nach Fischen. Diese Orca-Art ernährt sich ausschließlich von Fischen.

 

Wir folgten den dreien eine Zeit lang, ehe wir abdrehten und in Richtung einer kleinen Insel fuhren, wo wir uns eine Gruppe von Seelöwen ansehen konnten, die entspannt auf den Felsen lagen und sich gegenseitig anbrüllten. Nur wenige Meter weiter konnten wir im Wasser zudem einige Robben entdecken, die sich vor allem durch ihren Körperbau von ihren Artgenossen unterschieden.

Auch hier verweilten wir eine Weile, ehe unser Kapitän entschied, wieder auf die Suche nach Buckelwalen zu fahren. Immer wenn wir standen, wurde es sehr schnell sehr warm. Daher war es sehr wohltuend, wenn wir den kräftigen Fahrtwind um die Ohren bekamen.

 

In der Zwischenzeit war Ann an ihrem Wunschlaufort angekommen. Doch an einem Wegweiser hing ein handschriftlicher Zettel, der vor „stalkenden Bären“ warnte. Offenbar waren zwei Erwachsene beim Spazierengehen von den Bären verfolgt worden. Das war ihr verständlicherweise zu heikel und sie entschied sich nun doch, an der Seepromenade laufen zu gehen. Nach 6 Kilometern kehrte sie ins Hotel zurück und nutzte die Zeit ohne ihre „beiden Kinder“, um mal in Ruhe mit Meerblick zu lesen …

 

Das Meer war spiegelglatt und die Sonne inzwischen schon sehr stark. Nele hatte sich inzwischen in die erste Reihe des Bootes zu einem anderen deutschen Jungen verzogen und hatte da nun gleich doppelt gute Unterhaltung.

Mitten auf dem Meer zwischen Quadra Island und Cortes Island wurden wir langsamer. Jen hatte eine Fontäne gesehen. Tatsächlich tauchten wieder zwei Buckelwale in der Nähe zum Atmen auf. Wir standen da und schauten ihnen beim Schwimmen zu. Jen erklärte, dass es zwei andere Exemplare waren, was sie wohl an der Schwanzflosse erkannte.

Nachdem die beiden erneut abgetaucht waren, wollten wir eigentlich weiter, doch dann kam das Highlight. Einer der beiden sprang nur vielleicht 100 Meter vor unserem Boot aus dem Wasser und erzeugte eine „Buckelwal-Arschbombe“. Alle waren an Bord begeistert. So schnell hatte zwar keiner die Kamera parat, doch hatten es alle sehen können.

 

Nun ging es dann auch schon wieder auf den Rückweg. Wie schnell einfach 3,5 Stunden vergangen waren! Auf dem Rückweg tat Jen noch einmal uns allen, aber vor allem den Kindern, den Gefallen, dass sie einfach absichtlich über ein paar Wellen sprang und bei Vollspeed einige enge Kurven fuhr, die einer Achterbahnfahrt gleichkamen. Spätestens jetzt wollten alle Kinder eigentlich gleich wieder los.

Wir legten alle hochzufrieden im Hafen an und bekamen noch einmal eine Zusammenfassung, wo wir heute überall gewesen waren. Nele erhielt ihren Adventure-Pass, in dem sie mit Stempeln angeben konnte, welche Tiere sie wo gesehen hatte. Wir legten unsere Anzüge ab, bedankten uns und umgehend holte uns Ann wieder ab.

Wir fuhren eine Kleinigkeit essen und Nele tobte sich eine Runde auf dem nahegelegenen Spielplatz am Meer aus. Langsam zog sich das Wetter etwas zu, doch wir wollten den Tag dennoch nutzen, um uns hier in der Region etwas umzuschauen.

 

Nicht weit entfernt wurden uns die Elk Falls empfohlen. Nach nur 10 Minuten Autofahrt waren wir auch schon da. Ein kleiner Fußmarsch durch den Wald führte zu einer langen Hängebrücke, die über einen tiefen Canyon führte. Von ihr aus konnte man auf die Elk Falls gucken. Sie waren wirklich schön, doch bei uns allen setzte hier langsam der Punkt ein, dass wir keine Wasserfälle mehr brauchten. Zu viele und zu schöne hatten wir inzwischen gesehen.

Wir liefen zurück zum Auto und fuhren von hier erneut nur wenige Kilometer zum Campbell Lake. Dummerweise hatten wir heute die Badesachen zwar vergessen, doch genossen wir es, am Wasser zu sitzen, den Jetskis zuzuschauen und ein paar Steine ins Wasser zu schmeißen.

 

Nach einer Weile ging es zum Auto zurück und anschließend auch zurück zum Hotel. Es war inzwischen 17:30 Uhr und wir beschlossen, den Abend entspannt bei uns am Strand ausklingen zu lassen. Mit Kartenspielen, Lesen, Muschelsammeln und dem Sonnenuntergang genossen wir den frühen Abend.

Als die Sonne beinahe nicht mehr zu sehen war, wurde es uns allen etwas zu kalt und wir gingen aufs Zimmer. Morgen würden wir unsere letzte weite Fahrt des Urlaubs antreten und in die Hauptstadt von Vancouver Island nach Victoria fahren. Dann würde auch schon bald unser Urlaub enden. Doch auf Victoria freuten wir uns alle noch sehr.

 
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© Frederic Linker