Man mag es kaum glauben, aber heute Morgen war es irgendwie ein beruhigendes Gefühl, aufzuwachen und im Badezimmer den Lüfter brummen zu hören. Nicht etwa, weil sein Summen besonders angenehm gewesen wäre, sondern weil es bedeutete, dass der Strom über Nacht nicht erneut ausgefallen war. Durch die Fenster schien bereits die Sonne und es zeichnete sich schon früh ab, dass uns ein wunderschöner Tag erwarten würde.
Also haben wir zunächst unsere verbliebenen Lebensmittel zusammengesucht und daraus ein gemütliches Frühstück gezaubert. Der erste Schritt auf den Balkon machte allerdings schnell deutlich, dass die Sonne bislang eher zur Dekoration diente. Mit gerade einmal etwas mehr als sechs Grad war es noch ziemlich frisch.
Da der Strom wieder funktionierte, standen uns nun alle Möglichkeiten offen. Gemeinsam entschieden wir, den Tag im Yoho-Nationalpark zu verbringen. Ich hatte bereits zahlreiche Stopps herausgesucht und wir machten uns deshalb zum ersten Mal in diesem Urlaub richtig wandertauglich. Die Vorfreude auf die Natur war riesig und bereits gegen 8:15 Uhr saßen wir abfahrbereit im Auto.
Über den Trans-Canada Highway 1 ging es erneut Richtung Osten. Einkaufen wollten wir erst auf dem Rückweg. Bis zum Yoho-Nationalpark waren es nur rund 40 Kilometer. Unser erstes Ziel waren die Wapta Falls. Schon auf der Fahrt hielten wir aufmerksam Ausschau nach Wildtieren. Immerhin warnten zahlreiche Schilder vor Bighorn-Schafen, Hirschen und Bären. Bis zum Parkplatz der Wasserfälle ließ sich allerdings keines dieser Tiere blicken.
Der Parkplatz war für die Beliebtheit der Wasserfälle überraschend klein, um diese Uhrzeit jedoch noch angenehm leer. Lediglich drei weitere Autos standen dort. Zwar bemerkten wir mit etwas Ärger, dass wir einige Dinge in der Unterkunft vergessen hatten, ließen uns davon aber nicht die Stimmung verderben.
Der etwa 2,5 Kilometer lange Wanderweg führte durch dichten Wald bis zu den Wasserfällen. Am Morgen war es sogar noch kühl genug gewesen, um eine Jacke zu tragen. Schließlich erreichten wir den ersten Aussichtspunkt. Gewaltig, laut und voller Kraft stürzten die breiten Wassermassen in die tiefe Schlucht. Ein beeindruckendes Naturschauspiel.
Natürlich wanderten wir noch ein Stück weiter, um einen noch besseren Blick auf den Wasserfall und das Flussbett zu bekommen. Zwar hätte man sogar bis ganz nach unten steigen können, darauf verzichteten wir jedoch. Stattdessen ließen wir noch einmal die Drohne aufsteigen und wurden dabei vom aufgewirbelten Sprühnebel des Wasserfalls regelrecht geduscht.
Nach einem kleinen zweiten Frühstück machten wir uns schließlich langsam auf den Rückweg. Unterwegs entdeckten wir ein kleines Eichhörnchen, das nur wenige Zentimeter von uns entfernt seelenruhig einen Tannenzapfen auseinanderpflückte. Damit hatten wir immerhin unsere erste Wildtierbeobachtung des Tages gemacht.
Nach insgesamt knapp zwei Stunden erreichten wir wieder das Auto. Inzwischen war der Parkplatz deutlich voller geworden.
Unser nächster Stopp lag rund 20 Kilometer entfernt: die Natural Bridge. Diese beeindruckende Felsformation überspannt den tosenden Kicking Horse River wie eine natürliche Brücke. Schon die Fahrt dorthin war wieder atemberaubend. Schneebedeckte Gipfel, türkisblaues Wasser und die gewaltige Bergkulisse der Rockies sorgten dafür, dass wir ständig nicht mehr aus dem Staunen herauskamen.
Der Parkplatz war bereits deutlich besser besucht, schließlich zählt die Natural Bridge zu den bekanntesten Attraktionen des Nationalparks. Glücklicherweise fanden wir dennoch schnell einen freien Stellplatz. Von dort waren es nur wenige Meter bis zur Aussichtsplattform.
Auch hier fühlten wir uns sofort mitten im wilden Kanada angekommen. Nele und ich kletterten ein wenig über die Felsen, während sie mit großer Begeisterung fotografierte. Dieser Stopp lohnt sich wirklich, denn er kostet kaum Zeit und bietet gleichzeitig spektakuläre Motive.
Anschließend ging es weiter zum Emerald Lake. Der See gilt als einer der schönsten in den gesamten Rocky Mountains – und entsprechend voll war es dort auch. Als wir den offiziellen Parkplatz erreichten, wurden wir bereits von den Einweisern weggeschickt, weil sämtliche Plätze belegt waren.
Zum Glück hatten wir auf der Zufahrt bereits gesehen, dass viele Besucher entlang der Straße parkten. Also ließ ich Ann und Nele aussteigen und machte mich allein auf die Suche nach einem Parkplatz, den ich glücklicherweise schnell fand. Kurz darauf trafen wir uns wieder am See.
Schon der erste Blick auf den Emerald Lake verschlug uns beinahe die Sprache. Das intensive Türkis des Wassers wirkte fast unwirklich. Die dunkelgrünen Nadelwälder an den Hängen und die schneebedeckten Berggipfel bildeten zusammen eine Kulisse, die aussah wie eine perfekte Postkarte.
Obwohl es brechend voll war, entschieden wir uns, den rund 5,5 Kilometer langen Emerald Lake Loop zu wandern. Wir liefen entgegen der empfohlenen Richtung, obwohl aufgrund von Bauarbeiten vor schlammigen Abschnitten gewarnt wurde. Diese Entscheidung stellte sich als echter Glücksgriff heraus. Bereits nach wenigen Minuten waren wir nahezu allein unterwegs und konnten die traumhaften Ausblicke auf den See in aller Ruhe genießen. Immer wieder blieben wir stehen, staunten und ließen den Blick über die Landschaft schweifen.
Etwa auf halber Strecke machten wir an einem kleinen Flussufer eine längere Pause. Plötzlich näherten sich laute Hubschraubergeräusche. Kurz darauf konnten wir beobachten, wie ein Löschhubschrauber direkt auf dem See Wasser aufnahm. Es war toll zu sehen, wie schnell und präzise dieser Ablauf funktionierte. Anschließend flog der Hubschrauber hoch in die Berge und entlud dort sein Wasser. Offenbar war dort ein kleiner Brand entstanden oder man wollte verhindern, dass sich ein Feuer weiter ausbreitete. Mehrmals kehrte der Hubschrauber zurück, um erneut Löschwasser aufzunehmen.
Doch wir setzten unsere Wanderung fort. Die zweite Hälfte des Rundwegs war zwar einfacher zu laufen, da der Weg deutlich besser ausgebaut war, gleichzeitig aber auch wesentlich stärker besucht. Uns hatte deshalb der ruhigere erste Abschnitt deutlich besser gefallen.
Schließlich erreichten wir wieder den Ausgangspunkt und machten uns auf den Rückweg zum Auto. Mittlerweile war es bereits 15:30 Uhr. Eigentlich hatte ich noch geplant, zu den Takakkaw Falls zu fahren. Doch Nele wollte unbedingt zurück in den Whirlpool, vor uns hatte sich zudem ein längerer Stau in Richtung der Wasserfälle gebildet und auch Ann und ich waren nach den vielen Kilometern langsam ziemlich erschöpft. Deshalb entschieden wir uns, den Ausflug auf den nächsten Tag zu verschieben.
Auf der Rückfahrt nach Golden machte Nele erst einmal einen wohlverdienten Powernap. Im Ort tankten wir noch das Auto und füllten unsere Vorräte im Supermarkt auf. Für den Abend hatten wir ein Barbecue geplant.
Zurück an der Lodge verstauten wir zunächst unsere Einkäufe und gönnten uns anschließend noch eine Runde im Wasser. Danach ließen wir den Grill anheizen und genossen gemeinsam einen herrlich entspannten Abend. Viel schöner hätte dieser Tag kaum ausklingen können.
Morgen wartet bereits der nächste Tag in den Rocky Mountains auf uns. Dann wollen wir die Takakkaw Falls besuchen und anschließend die Golden Skybridge erkunden. Doch jetzt hieß es erst einmal, all die beeindruckenden Eindrücke dieses perfekten Tages zu verarbeiten.