Zwischen Gletscher und Feuer

 

Nachdem wir gestern im Office des Hotels darauf hingewiesen worden waren, dass man auf dem Gelände besonders aufpassen sollte, weil häufig Schwarzbären darüber liefen und wir gestern ja auch in unmittelbarer Nähe einen großen gesehen hatten, nahmen wir die Geräusche der knarzenden Holzveranda unseres Zimmers plötzlich ganz anders wahr. Waren es nur die Schritte der Nachbarn oder doch ein vierbeiniger Pelzträger?

Auch wenn das Zimmer schon etwas in die Jahre gekommen war, konnten wir gut schlafen. Wie zuletzt auch schlief Nele länger als wir, weshalb wir bereits wieder alles reisetauglich verstauten. Der erste Blick nach draußen ließ jedoch nichts Gutes erahnen. Der Rauch war noch dichter geworden und inzwischen konnte man quasi gar keine Berge mehr sehen. Die Luft war ziemlich schlecht. Selbst unsere Handys warnten bereits davor, möglichst auf Aktivitäten im Freien zu verzichten.

 

Das war natürlich nur schwer möglich, denn wir wollten heute schließlich zum Athabasca-Gletscher fahren. Nele und wir hatten uns seit Beginn des Urlaubs auf die Fahrt im Eistruck gefreut. Also packten wir unsere Sachen wieder ins Auto und machten uns über den Icefields Parkway in Richtung Jasper auf den Weg.

Unser Frühstück hatten wir bereits gestern in Canmore besorgt, weil wir von der Situation hier wussten und davon ausgingen, dass es vermutlich nicht viel Gelegenheit dazu geben würde. Zwar hätte man im Restaurant auch frühstücken können, doch unsere Boarding-Zeit für den Eistruck war bereits um 10:05 Uhr und wir mussten noch etwa 45 Minuten mit dem Auto fahren.

Leider wurde die Sicht auch auf der Straße nicht wirklich besser, sondern eher noch trüber. Gegen 9:40 Uhr kamen wir schließlich am Columbia Icefield Centre an und parkten. Auf einer Bank frühstückten wir in Ruhe und machten uns für den Gletscher fertig, den man schon vom Parkplatz aus erahnen konnte.

 

Drinnen konnten wir mit unseren Tickets direkt zum Boarding gehen und warteten nur wenige Minuten, ehe wir in einen großen Reisebus einsteigen konnten, der uns den Berg hinaufbringen sollte. Während der Fahrt bekamen wir erste Informationen über den Gletscher. Nele war inzwischen allerdings wieder tief in einem Heftchen versunken, denn auch hier gab es die Möglichkeit, ein Abzeichen zu erarbeiten.

Nach nur wenigen Minuten konnten wir den Bus bereits wieder verlassen und standen auf einem Schotterplatz mit zahlreichen Eistrucks. Wir wechselten also lediglich das Fahrzeug und unser wirklich sehr freundlicher Fahrer „Andy“ fuhr mit uns im Truck den Berg hinauf. Diese Trucks sind schon heftig. 150cm hohe Reifen, 25 Tonnen Gewicht, 380 PS!

 

Maximal 14 km/h fuhr dieses Monstrum und konnte dabei Steigungen von bis zu 36 Prozent überwinden, die wir auch beinahe testen konnten – auf dem „langsamsten Rollercoaster der Welt“, wie Andy es nannte. Schließlich fuhren wir durch einen kleinen Teich auf das Eis und hielten bald auf einer extra abgesteckten Fläche, unter der das Eis immerhin 150 Meter dick war.

Hier durfte Nele vom Truck aus die Leiter per Hebel ausfahren und anschließend die Tür öffnen. Ein bisschen fühlte sich das Ganze wie ein Mondfahrzeug an.

Mit dem letzten Hinweis „Blue is slippy, white is grippy“ durften wir uns nun 30 Minuten auf dem sicher abgesteckten Gebiet bewegen. Damit wollte Andy uns sagen, dass das blaue Eis meist sehr rutschig war, während das weiße Eis deutlich griffiger war.

Tatsächlich wirkte es ein bisschen so, als würde man auf einem Meer aus Eiswürfeln spazieren gehen. Zwischendurch gab es jedoch immer wieder bläulich schimmernde Flüsse und Löcher, die bereits mehr aus Wasser als aus Eis bestanden.

 

Wie jedes Jahr zog sich der Gletscher auch in diesen Sommermonaten weiter zurück. Leider schaffte er es inzwischen nicht mehr, diesen Verlust während der Wintermonate auszugleichen. Vor allem der Klimawandel und die damit verbundenen Treibhausgasemissionen tragen dazu bei. Dadurch schrumpft der Gletscher jedes Jahr weiter und es wird vermutet, dass er in 50 bis 60 Jahren möglicherweise nicht mehr existieren wird.

Die Luft war auch hier oben leider sehr schlecht und wir konnten nicht besonders weit sehen. Trotzdem liefen wir eine Weile herum, machten Fotos, veranstalteten eine kleine Eisschlacht und nahmen sogar ein kleines Eisbad.

Der Gletscher ist heute übrigens insgesamt etwa so groß wie Liechtenstein. Die Luft war zwar deutlich kühler als unten, aber bei Weitem nicht so kalt, wie wir befürchtet hatten.

Da sich der Gletscher ständig verändert, war ein unbeaufsichtigtes Herumlaufen allerdings viel zu gefährlich. Jederzeit konnten sich überraschend abgrundtiefe Löcher auftun oder unterirdische Flüsse die Oberfläche zum Einsturz bringen. Deshalb durfte man sich nur innerhalb des abgesicherten Bereichs bewegen.

 

Nach einer halben Stunde fuhren wir mit dem Truck wieder den Berg hinunter und stiegen anschließend erneut in den Bus um, der uns zum „Columbia Skywalk“ bringen sollte. Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten.

Ich hatte inzwischen das Gefühl, leichte Kopfschmerzen zu bekommen, konnte aber nicht genau einschätzen, ob das an der schlechten Luft oder an einem möglichen Flüssigkeitsmangel lag.

Am Skywalk angekommen, standen wir schließlich vor einer beeindruckenden Konstruktion: einem halbrunden Glasboden, der weit über den Abhang hinausragte und unglaubliche Blicke in die Weite und Tiefe versprach.

Wir waren bereits durch die Ticketkontrolle gegangen, als uns plötzlich eine Mitarbeiterin aufforderte, stehen zu bleiben. Sie hatte keine guten Nachrichten für uns. Aufgrund der inzwischen massiv schlechter gewordenen Luft- und Sichtverhältnisse, hatte sich das Management der Anlage dazu entschieden, den Skywalk sofort zu schließen und räumen zu lassen.

 

Wir waren nur noch wenige Schritte vom Skywalk entfernt. Einige Leute, die Sekunden vor uns aus dem Bus ausgestiegen waren, hatten ihn sogar noch betreten können. Für uns gab es jedoch keine Chance mehr. Wir mussten umdrehen und wurden mit dem Bus zurück zum Center gebracht.

Etwas enttäuscht, aber gleichzeitig auch mit Verständnis, liefen wir noch ein wenig durch den Shop. Offensichtlich waren auch die weiteren Touren auf den Gletscher gestoppt worden. Dementsprechend voll war es im angrenzenden Shop und Restaurant.

Wir wollten eigentlich nur noch schnell weg, auch wenn wir sicherlich Anspruch auf eine Entschädigung gehabt hätten. Also gingen wir zum Auto und machten uns auf den Weg in Richtung Jasper, das noch etwa 100 Kilometer entfernt lag.

 

Die Luft war weiterhin zum Schneiden. Nach etwa der Hälfte der Strecke klarte der Himmel jedoch etwas auf. Es war noch immer diesig, aber nicht mehr völlig undurchdringlich.

Wir hielten an den Sunwapta Falls. Auf dem Parkplatz holten wir zunächst unsere Mittagspause nach und schmierten uns ein paar Brote. Schnell merkten wir, dass auch das Atmen hier deutlich leichter fiel.

Die eigentlichen Wasserfälle lagen direkt am Parkplatz. Wir entschieden uns jedoch zunächst dafür, zu den Lower Falls zu wandern. Allerdings waren wir bereits nach wenigen Metern plötzlich allein auf dem Waldweg unterwegs. Bärenspray hatten wir keines dabei und so blieb ein mulmiges Gefühl.

Mit lauten Unterhaltungen und Gesang versuchten wir, dieses Gefühl etwas zu vertreiben und gleichzeitig mögliche Bären in der Nähe abzuschrecken. Der Weg war nicht sonderlich weit und trotzdem waren wir froh, am Ziel wieder andere Menschen zu treffen.

Wieder einmal überzeugte uns die kanadische Natur mit ihrer Schönheit.

 

Auf dem Rückweg hielten wir uns an einige andere Wanderer und schauten uns noch die eigentlichen Sunwapta Falls an, ehe wir mit dem Auto weiterfuhren.

Doch nun erreichten wir eine entscheidende Grenze. Mit einem Schlag änderte sich die Umgebung und soweit das Auge reichte, sahen wir nur noch verbrannte Bäume.

Vor knapp zwei Jahren hatte hier eine unfassbar große Fläche gebrannt. Über Kilometer hinweg standen nur noch sehr vereinzelt grüne Tannen zwischen den verbrannten Baumstämmen. Der Anblick wirkte trostlos und ließ erahnen, welche Auswirkungen ein solcher Waldbrand auf die Landschaft hatte. Gleichzeitig machte er uns bewusst, was gerade bei dem aktuellen Waldbrand in der Region Kelowna passierte.

Bald erreichten wir Jasper, das wir jedoch nur umfuhren, da wir heute nicht hier, sondern in Hinton übernachten würden. Der Ort lag noch einmal etwa 40 Kilometer nördlich von Jasper.

 

Wir fuhren direkt zum Hotel und checkten zunächst ein. Heute hatten wir ein deutlich größeres Zimmer als zuletzt und konnten uns für Morgen sogar zum ersten Mal auf ein Frühstück freuen.

Anschließend fuhren wir noch schnell etwas einkaufen und holten uns auf dem Rückweg eine Pizza. Auf die Idee war Nele nach einer Nachricht von Ma und Opa aus deren Urlaub gekommen.

Wir nahmen die Pizza von Papa Johns mit ins Hotel und machten uns einen entspannten Abend mit Spielen und Pizza. Dort erhielten wir dann noch eine Mail, dass wir unsere Tickets vom Skywalk anteilig erstattet bekommen würden. Immerhin eine gute Nachricht.

Für morgen werden wir uns dann auf den Weg nach Jasper machen und schauen, was der schreckliche Brand denn noch so übriggelassen hat.

 

 
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© Frederic Linker