Mit der Queen of Oak Bay nach Vancouver Island

Ann war heute sehr früh wach. Sie hatte nicht wirklich gut geschlafen. Auch ich wachte bereits mit dem Sonnenaufgang auf, den wir von unserer Dachterrasse aus wunderbar über den Dächern sehen konnten. Es war ein sehr verhangener Morgen. Die Wolken standen tief im Tal und ließen die Berge beinahe wie verraucht aussehen. Glücklicherweise war die Luft aber kalt und klar.

Anns Ruhepuls hatte in der Nacht vermutlich selten unter 90 gelegen. Die Schifffahrt lag ihr schon seit dem Buchen quer im Magen. Doch eine andere Möglichkeit, als mit der Fähre nach Vancouver Island zu fahren, gab es quasi nicht. Da wir bewusst die Fähre um 11 Uhr gebucht hatten, mussten wir zeitig aufbrechen. Daher musste auch Nele schon um halb sieben aufstehen.

Wir hatten gar nicht viel ausgepackt und mussten deshalb auch jetzt nicht lange an den Koffern herumdoktern, bevor alles wieder verstaut war. Nele spielte dabei wieder ihre ganze Empathie aus und versuchte ihrer Mama immer wieder Mut zuzusprechen. Man merkte ihr an, dass es ihr ebenfalls nicht gut damit ging, dass Ann sich so unwohl fühlte. Aber das würde schon gut werden.

 

Wir checkten aus unserem tollen Hotel aus und fuhren zügig aus der Tiefgarage. Heute war tatsächlich der erste Tag auf unserer diesjährigen Reise, an dem wir uns gerne eine Nacht mehr gewünscht hätten. Zum einen, weil uns der Ort so gut gefallen hatte und wir hier sicher noch einiges hätten erleben können, zum anderen aber auch, weil das Hotel einfach toll war. Aber ich finde, das ist eine ziemlich gute Quote. Bei vielen anderen Orten, Tagen und Nächten hatten wir genau richtig geplant.

Trotzdem freute ich mich total auf die Fährfahrt nach Nanaimo auf Vancouver Island.

Von Whistler bis zum Hafen von Horseshoe Bay waren es etwa 120 Kilometer. Wir mussten gegen 10 Uhr einchecken, und ich hatte mir vorgenommen, vorher noch zum Cypress Hill Viewpoint zu fahren. Der Aussichtspunkt lag quasi auf dem Weg und versprach einen tollen Weitblick auf die Stadt Vancouver, die wir nun wieder von Norden erreichen würden, nachdem wir sie vor gut zwei Wochen in Richtung Süden verlassen hatten.

 

Auf der Fahrt entlud sich jedoch zunächst der Himmel kräftig. Es regnete teilweise sehr heftig. Zwar wurde das Wetter langsam besser, je näher wir der Küste kamen, doch die Sicht war durch den morgendlichen Nebel stark beeinträchtigt.

Dann bot sich uns der erste Blick auf den Pazifik. Nach inzwischen mehr als 3.000 Kilometern auf unserer Tour, hatten wir ihn wieder erreicht. Ich genoss die vielen tollen Ausblicke so gut es ging und versuchte dabei immer wieder, Ann in ein Gespräch zu verwickeln, um sie ein wenig abzulenken. Das gelang mal besser, mal schlechter.

 

Als wir schließlich am Aussichtspunkt ankamen, zeigte sich Vancouver im dichten Nebel. Nur durch das Wissen, das wir aus unserem ersten Aufenthalt in der Stadt mitgenommen hatten, erkannten wir einige markante Stellen wie den Canada Place oder den Stanley Park. Die Aussicht wäre ohne Nebel sicherlich noch einmal deutlich spektakulärer gewesen. So nutzten wir den Stopp bei inzwischen trockenem Wetter hauptsächlich für ein kleines Frühstück.

Von hier aus war es bis zum Hafen nicht mehr weit. Das Einchecken verlief absolut reibungslos und innerhalb weniger Sekunden waren wir bereits in den Wartebereich eingefahren. In Reihe 10 konnten wir relativ weit nach vorne fahren und hatten nun noch etwa eine Dreiviertelstunde Zeit, bis wir auf das Schiff fahren konnten.

Nele und Ann wollten gerne im Auto bleiben. Ich entschied mich dagegen für einen kleinen Abstecher ins Dorf Horseshoe Bay. Mit unserem Ticket konnte ich den Terminalbereich problemlos verlassen und schaute mich am kleinen Hafen etwas um. Einige Cafés, Restaurants und Geschäfte gab es dort, dazu direkt neben dem Fährhafen eine kleine Marina.

Ich drehte eine Runde und inzwischen brannte sogar die Sonne vom Himmel. Im Hafenbecken schwammen einige Seelöwen, die neugierig dem Schiffsverkehr zuschauten.

Dann ertönte plötzlich ein lautes Horn und unser Schiff lief in den Hafen ein: die Queen of Oak Bay – eine riesige Autofähre.

 

Ich drehte also um und ging zurück zum Auto. Inzwischen waren sämtliche Spuren voll. Neben sicher hunderten Autos standen auch einige Busse und Wohnwagengespanne bereit.

Dann ging es auf die Fähre. Ann hatte sich vorsichtshalber mit einer Reisetablette versorgt. Wir durften auf dem obersten Autodeck parken und stiegen aus, um uns auf das Sonnendeck zu begeben.

Dort suchten wir uns ganz vorne ein schönes Plätzchen und warteten darauf, dass die Leinen losgemacht wurden und wir endlich in See stachen.

Schon beim Ausfahren konnten wir weitere Seelöwen entdecken. Außerdem saß ein Weißkopfseeadler in einem Baum und beobachtete das Geschehen. Das Meer war heute sehr ruhig und die kleinen Wellen konnten unserem großen Dampfer überhaupt nichts anhaben.

 

Sobald wir die schützenden Buchten hinter uns gelassen hatten, frischte allerdings auch der Wind deutlich auf. Nele und ich gingen das Schiff etwas erkunden, während sich Ann zunächst lieber mit Blick auf den Horizont an die Reling klammerte. Später konnte sie sich dann aber auch etwas mehr bewegen.

Leider konnten wir noch keine Wale entdecken. Trotzdem war die Fahrt insgesamt sehr entspannt. Nach etwa zwei Stunden liefen wir schließlich in den Hafen von Nanaimo ein. Genauso unkompliziert, wie wir aufgefahren waren, konnten wir auch wieder von der Fähre herunterfahren.

Wir hielten noch schnell zum Tanken und holten uns zum Mittag einen kleinen Snack bei Wendy’s. Anschließend kauften wir noch unser Frühstück für die kommenden zwei Tage ein, bevor wir uns auf den Weg nach Norden machten.

 

Unser Hotel für die nächsten Tage lag in Oyster Bay. Doch bevor wir dorthin fuhren, hatten wir noch einen kleinen Zwischenstopp im MacMillan Provincial Park geplant. Der Park liegt bereits an der Straße in Richtung Tofino, wohin wir es aus Zeitgründen leider nicht mehr schaffen würden.

Im Park befindet sich der berühmte Cathedral Grove. Hier wachsen riesige Douglasien- besser bekannt als Mammutbäume-, die teilweise mehrere hundert Jahre alt sind. Nach einer knappen Stunde Fahrt kamen wir schließlich dort an. Wir parkten das Auto und liefen in den beinahe urzeitlich wirkenden Wald hinein.

Riesige Farne und teilweise meterdicke Baumstämme säumten den Weg. Vor etwa 30 Jahren hatte ein Sturm viele der teils 800 Jahre alten Bäume beschädigt oder sogar entwurzelt. Heute sorgen die umgestürzten Riesen für einige kuriose und beeindruckende Baumgebilde.

Wir liefen den Rundweg und staunten immer wieder über die gewaltigen Bäume.

 

Zurück am Auto sollte nun aber endlich der Weg zum Hotel gelingen. Es waren noch einmal etwa 100 Kilometer in Richtung Norden.

Die Umgebung auf Vancouver Island wirkte noch einmal ganz anders als auf dem Festland. Vieles schien hier etwas in der Zeit stehen geblieben zu sein. Die Häuser waren teilweise schon deutlich in die Jahre gekommen, dafür wirkte die Natur an vielen Stellen noch unberührter.

Gegen 17:30 Uhr kamen wir schließlich an unserem Hotel an. Wir checkten ein und ich ließ mir direkt ein paar Tipps für mögliche Aktivitäten geben. Besonders interessierten mich natürlich Walbeobachtungstouren.

Wir gingen zunächst auf unser schönes Zimmer mit Meerblick und ich rief anschließend bei einigen Veranstaltern an, um herauszufinden, ob für morgen noch Plätze für Nele und mich frei wären.

Nach zwei Absagen hatte ich schließlich Erfolg.

Ich buchte uns eine Tour mit einem großen Schlauchboot, auf der wir uns auf die Suche nach Orcas, Grizzlys und Buckelwalen machen würden. Morgen früh sollte es losgehen.

 

Nun ging es aber erst einmal ans Meer. Der Strand hier war wunderbar naturbelassen. Überall lagen Treibholz, Muscheln und andere Meeresschätze herum. Wir wanderten ein Stück am Strand entlang und ich ließ gemeinsam mit Nele auch einmal die Drohne steigen.

Dabei entdeckte Nele einen Weißkopfseeadler, der mit einem frisch gefangenen Fisch in einem Baum saß. Ein toller Anblick!

Langsam neigte sich die Sonne dem Horizont entgegen und tauchte den Himmel in ein wunderschönes Abendlicht.

Wir fuhren anschließend noch in das nächstgelegene Restaurant und hatten dort ein leckeres Abendessen.

Zurück im Hotel bereiteten wir bereits alles für die morgige Tour vor. Denn morgen mussten wir früh raus: Bereits um 8 Uhr sollten wir im rund 20 Kilometer entfernten Campbell River sein, um dort aufs Schiff zu gehen.

Ich freue mich schon sehr darauf. Mal sehen, was wir morgen alles finden werden. Vielleicht wartet ja tatsächlich irgendwo da draußen unser erster Orca auf uns.

 

 
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© Frederic Linker