Bären, Bergseen und Bilderbuchkulissen

Es war erst fünf Uhr morgens, als heute unser Wecker klingelte. Zunächst etwas unwillig schälten wir uns aus den Betten. Freiwillig in den Ferien um fünf Uhr aufzustehen? Manchmal muss man wohl ein bisschen verrückt sein. Doch ich möchte schon an dieser Stelle vorwegnehmen, dass sich heute jede verlorene Minute Schlaf mehr als gelohnt hatte.

Ann und ich waren dann doch recht schnell bereit, das Bett im Dunkeln zu verlassen. Nele brauchte da schon etwas mehr Überzeugungskraft. Sie kuschelte sich in ihrem Hochbett noch ein- oder zweimal von links nach rechts, ehe wir sie mit viel gutem Zureden und der Aussicht, im Auto weiterschlafen zu dürfen, schließlich herunterbekamen.

Da wir bereits am Vorabend gute Vorarbeit geleistet und die Koffer gepackt und ins Auto verfrachtet hatten, mussten wir heute Morgen nur noch Kleinigkeiten ins Auto räumen. Die Lebensmittel wurden verstaut und schon waren wir abfahrbereit. Leider mussten wir heute unsere bislang wirklich beste Unterkunft verlassen.

 

 

 

Bald saßen wir alle im Auto und machten uns auf den Weg. Doch warum so früh? Der Grund war, dass wir bereits lange vor unserer Reise begehrte Tickets für den Shuttle zum Moraine Lake ergattert hatten. Mit dem eigenen Auto darf man diesen See nicht anfahren, obwohl er sicherlich zu den markantesten Orten der Rocky Mountains gehört. Die Shuttle-Tickets sind meist schon Monate im Voraus ausgebucht. Wir hatten Glück und entschieden uns bewusst für die früheste Abfahrtszeit, da wir mit dem Kombiticket anschließend auch noch zum Lake Louise fahren konnten, der sicherlich nicht weniger ikonisch ist.

 

Das bedeutete allerdings, dass wir zunächst rund 80 Kilometer durch den Yoho-Nationalpark bis in den Banff-Nationalpark fahren mussten. Um kurz nach sechs Uhr hatte das aber auch einen schönen Nebeneffekt: Es war kaum Verkehr unterwegs und die Chancen, Wildtiere zu entdecken, waren deutlich höher. Besonders die Strecke vom Kicking Horse Resort bis zum Highway 1 galt als vielversprechend. Leider hatten wir dort zunächst kein Glück. Auf dem Highway selbst sind die Geschwindigkeiten zu hoch und die Straßen durch Wildzäune gesichert, sodass wir auch dort nicht mit einer Begegnung rechneten.

Schließlich erreichten wir den Banff-Nationalpark und wenig später Lake Louise, von wo aus die Shuttlebusse starteten. Wir waren bereits kurz vor dem Parkplatz, als Ann plötzlich laut aufschrie. Zum Glück fuhr gerade kein Auto hinter uns, sonst hätte sich wahrscheinlich selbst der Fahrer erschrocken. Nele und ich waren jedenfalls sofort hellwach. Der Grund war jedoch schnell gefunden: Anns Adlerauge hatte einen Grizzlybären direkt am Straßenrand entdeckt, der genüsslich Buffalobeeren fraß.

 

Wir hielten an und beobachteten ihn eine Weile. Was ein großes Tier und das nur vielleicht 50 Meter von uns entfernt. Schnell bildete sich eine kleine Autoschlange, doch da wir ohnehin unseren Bus erreichen mussten, gaben wir unsere Pole Position wieder auf und fuhren zum kostenlosen Parkplatz. Zu Fuß ging es die letzten Meter zur Shuttle-Haltestelle. Dort tauschten wir unseren Voucher gegen die Tickets ein und konnten direkt einsteigen. Wenige Minuten später setzte sich der Bus in Bewegung. Noch einmal fuhren wir an dem Grizzly vorbei, ehe wir auf die für den öffentlichen Verkehr gesperrte Straße zum Moraine Lake abbogen. Von dort aus dauerte die Fahrt noch knapp zwanzig Minuten. Gleichzeitig ging langsam die Sonne auf.

 

Am Moraine Lake angekommen, hielten sich die Menschenmassen glücklicherweise noch in Grenzen. Der See lag noch im Halbdunkel vor uns. Wir entschieden uns zunächst für den kurzen Rockpile Trail, der auf einen kleinen Hügel oberhalb des Sees führt. Schon unterwegs fielen uns die vielen neugierigen Chipmunks auf, die scheinbar keinerlei Scheu vor Menschen mehr hatten.

Nach wenigen Minuten standen wir oben und wurden mit dem ersten traumhaften Blick auf den See und die umliegende Bergkulisse belohnt. Es war ein einmaliger Anblick und absolut nachvollziehbar, warum dieser See zu den schönsten in ganz Kanada zählt.

Nun musste allerdings erst einmal gefrühstückt werden. Das war zu dieser frühen Stunde noch problemlos möglich. Ganz ungestört blieb die Pause jedoch nicht, denn die Chipmunks waren ausgesprochen frech. Eines sprang Ann sogar kurzerhand auf den Rücken.

 

Nach der Stärkung liefen wir noch ein wenig über die Felsen und genossen jeden Blickwinkel bei der aufgehenden Sonne. Anschließend gingen wir wieder hinunter ans Ufer. Jetzt leuchtete das Wasser bereits in seinem berühmten intensiven Türkis. Wir beschlossen, den Wanderweg entlang des Sees zu gehen. Natürlich hätten wir den Moraine Lake auch gerne mit dem Kanu erkundet, doch 170 Dollar plus Steuern für eine Stunde waren wir beim besten Willen nicht bereit zu bezahlen. Umso erstaunlicher war die lange Schlange am Bootsverleih – eine wahre Goldgrube.

Doch auch der Weg am Ufer entlang war traumhaft. Immer wieder hielten wir an, gingen bis ans Wasser und ließen Steine über die Oberfläche flitschen. Nach etwa der Hälfte des Sees erreichten wir einen kleinen Wasserfall. Dort drehten wir um und liefen gemütlich zurück. Nach einem kurzen Besuch im Souvenirshop sprang ich noch einmal auf den Rockpile hinauf, während Ann und Nele unten auf mich warteten. Inzwischen war es allerdings unglaublich voll geworden. Zwar ließ die inzwischen höherstehende Sonne den See noch intensiver türkis leuchten, doch die vielen Menschen nahmen dem Ort etwas von seiner besonderen Atmosphäre.

 

Nach einer längeren Pause stiegen wir schließlich in den Shuttlebus, der uns weiter zum Lake Louise brachte. Der Service von Parks Canada war dabei wirklich hervorzuheben. Alles verlief reibungslos. Wenn man bedenkt, dass die Tickets für uns drei kaum teurer waren als ein normales Parkticket am Lake Louise, hatte sich das Kombiticket absolut gelohnt.

Gegen 11:30 Uhr kamen wir am Lake Louise an. Hier war bereits die Hölle los. Am Ufer des wunderschönen Sees tummelte sich eine bunte Mischung aus asiatischen Reisegruppen, Influencern, Reisebussen und Touristen aus aller Welt. Die traumhafte Kulisse konnten wir zunächst nur eingeschränkt genießen, da es kaum möglich war, einen freien Blick auf den See zu erhaschen.

Deshalb entschieden wir uns direkt für eine kleine Wanderung zum Fairview Lookout. Vorbei am Kanuverleih – hier kostete eine Stunde sogar 180 Dollar – führte der etwa einen Kilometer lange Weg leicht bergauf durch den Wald. Nele hielt weiterhin hervorragend mit. Etwa auf halber Strecke war da allerdings plötzlich eine Wurzel im Weg, die dort ihrer Meinung nach vorher definitiv noch nicht gelegen hatte. Naja – Schrammen an den Knien kannten wir inzwischen ja. Trotzdem kämpfte sie sich tapfer bis nach oben.

 

Dort wurden wir mit einem herrlichen Blick über den fast unwirklich wirkenden See und das luxuriöse Fairmont Chateau Lake Louise belohnt. Außerdem war es hier oben deutlich ruhiger als unten am Ufer. Wir machten eine zweite Brotpause und genossen den Ausblick, bevor wir wieder abstiegen.

Unten angekommen, liefen wir noch ein Stück am Seeufer entlang und setzten uns einfach auf die Steine, um den herrlichen Blick auf den Gletscher und das eisblaue Wasser zu genießen.

Gegen 14 Uhr machten wir uns schließlich wieder auf den Weg zum Shuttle. Nach kurzer Wartezeit brachte uns der Bus zurück zum Parkplatz. Dort gönnten wir uns einen kleinen Mittagssnack, bevor wir mit dem Auto über den Bow Valley Parkway weiterfuhren.

Diese Straße verläuft parallel zum Highway 1, bietet zahlreiche schöne Aussichtspunkte und erlaubt maximal 60 km/h. Dadurch konnte man viel entspannter nach Wildtieren Ausschau halten. Zwar war die Tageszeit dafür eigentlich nicht ideal, doch schon nach wenigen Kilometern standen mehrere Autos am Straßenrand – immer ein sicheres Zeichen für eine Tiersichtung. Schnell entdeckten wir den Grund: Ein Schwarzbär suchte am Straßenrand nach Beeren. Natürlich beobachteten wir ihn ebenfalls eine Weile. Was für ein Glück – bereits der zweite Bär des Tages!

 

Entlang des Bow Valley Parkway hielten wir außerdem an der Morant’s Curve. Hier verlaufen die Bahnstrecke und der Bow River parallel und bilden eine traumhafte Kulisse. Passend in diesem Moment bog auch noch ein kilometerlanger Güterzug um die Kurve und kündigte sich mit seiner lauten Hupe an – genau so, wie man es aus alten Westernfilmen kennt.

Auch an den weiteren Aussichtspunkten hielten wir immer wieder an, denn unsere Safari-Stimmung war nun endgültig geweckt. Gegen Ende des rund 45 Kilometer langen Parkways trauten wir unseren Augen kaum: Nur wenige Meter vor uns überquerte ein weiterer Schwarzbär ganz gelassen die Straße. Die vorbeifahrenden Autos schienen ihn überhaupt nicht zu interessieren. Auch hier hielten wir kurz an, ehe der kleine Bär gemütlich im Wald verschwand.

 

Damit konnten wir an diesem Tag stolz eine Bilanz von einem Grizzly und gleich zwei Schwarzbären ziehen.

Nun war es nicht mehr weit bis nach Canmore, wo unser Hotel lag. Unser Zimmer war angenehm groß und Nele hatte den Pool bereits für sich entdeckt. Zunächst drehten wir jedoch noch eine kleine Runde durch den Ort. Alles wirkte modern, sauber und gepflegt. Die Innenstadt war bequem zu Fuß erreichbar. Nach unserem Spaziergang kehrten wir allerdings ziemlich erschöpft ins Hotel zurück.

Nele mobilisierte noch einmal ihre letzten Kraftreserven und überredete uns, gemeinsam mit ihr eine Runde im Pool zu drehen. Zurück auf dem Zimmer gingen bei uns dann aber schnell die Lichter aus. Was für ein langer, aber unglaublich ereignisreicher Tag! Morgen soll es nach Banff gehen – nun mussten wir erst einmal neue Kräfte sammeln.

 
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© Frederic Linker