Heute Morgen haben wir uns etwas „länger“ Zeit gelassen und dabei ein paar alte Camper-Vibes aufleben lassen. Unser gestern organisiertes Frühstück ist in unserem kleinen Hotelzimmer allerdings zu einer echten Herausforderung geworden. Schon jetzt hat sich unser mitgebrachtes Campinggeschirr aber gelohnt. Nach ein paar belegten Bagels und einigen Beeren haben wir uns bereitgemacht, in den neuen Tag zu starten.
Gegen 8:30 Uhr haben wir schließlich gut ausgerüstet das Hotel verlassen. Auch heute Morgen wirktedie Stadt noch angenehm verschlafen und war alles andere als überfüllt. Vermutlich hat das auch daran gelegen, dass wegen der Fußball-Weltmeisterschaft noch immer einige Straßenzüge gesperrt sind.
Über die Granville Street sind wir erneut durch Downtown in Richtung Waterfront gelaufen, denn für heute wollten wir uns Fahrräder leihen. Das hat schnell und völlig unkompliziert geklappt. Nele wird wahrscheinlich noch bis zum Ende des Urlaubs darüber strahlen, dass sie ein echtes Mountainbike fahren durfte.
Direkt am Canada Place haben wir unsere Tour entlang der Waterfront in Richtung Stanley Park gestartet. Die hervorragend ausgebauten Radwege mit fantastischen Blicken auf die Wolkenkratzer entlang der Küste und den Coal Harbour haben uns bereits auf den ersten Kilometern davon überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Um diese Uhrzeit war es außerdem noch angenehm entspannt auf den Wegen.
Nur vereinzelt begegneten uns verzweifelte Gestalten – vermutlich amerikanische Großstädter –, für die Fahrradfahren offenbar genauso neu gewesen ist wie für uns ein fliegendes Schwein. Natürlich haben aber auch sie sich hier Fahrräder mieten dürfen und mit ihrer teilweise abenteuerlichen Fahrweise dafür gesorgt, dass die Radwege gelegentlich zu kleinen Slalomstrecken geworden sind.
Schnell ließen wir den Yachthafen hinter uns und unsere Runde um den Stanley Park begann. Der hervorragend ausgebaute Radweg ist hier als Einbahnstraße angelegt, was bereits erahnen ließ, wie voll es später am Tag werden würde. Nele gab mit ihrem Mountainbike ordentlich Gas und ist uns häufig weit vorausgefahren.
An der imposanten Lions Gate Bridge haben wir einen kurzen Stopp eingelegt, bevor wir entlang des Seawalls weiter in Richtung der Strände gefahren sind. Am Third Beach haben wir unsere Räder schließlich abgestellt und uns einen schönen Platz im Sand gesucht.
Es hat uns schon überrascht, wie deutlich Ebbe und Flut auch hier zu beobachten sind. Zwar reicht das längst nicht an die Nordsee heran, dennoch ist der Unterschied gut sichtbar gewesen. Wir liefen etwas mit den Füßen durchs Wasser, bis Nele einen kleinen Krebs entdeckte. Von diesem Moment an ist für sie klar gewesen: Keinen weiteren Millimeter gehe ich mehr ins Meer.
Nach einer kleinen Sandburg und einer entspannten Pause schwangen wir uns wieder auf die Räder. Inzwischen war auf dem Seawall deutlich mehr los, weshalb das letzte Stück um den Park etwas länger dauerte. Nach rund drei Stunden haben wir unsere Fahrräder wieder zurückgegeben.
Plötzlich haben wir uns wie mitten im Karneval gefühlt. Überall sind verkleidete Menschen durch die Straßen gelaufen. Im angrenzenden Convention Centre hat an diesem Wochenende eine große Anime-Messe stattgefunden, die zahlreiche Cosplayer angezogen hat. Wir holten uns etwas in der Nähe zu essen. Für mich gab es vietnamesische Küche, während Ann und Nele sich für das große M entschieden haben.
Genüsslich nahm Nele einen großen Schluck aus ihrem Becher und stellte überrascht, dass ihre Sprite hier irgendwie anders schmeckte als in Deutschland. Erst nach dem zweiten Schluck ist ihr – und auch uns – klar geworden, dass sie sich versehentlich an Anns Cola bedient hat. Sollte sie nach dem Urlaub einmal nach ihrem schönsten Erlebnis gefragt werden, könnte die Antwort durchaus lauten: „Dass ich Cola trinken durfte.“ So sehr hat sie sich darüber gefreut.
Nach dem Essen haben wir die Zeit genutzt, noch etwas durch die Stadt zu bummeln. Im Pacific Centre sind wir ein wenig shoppen gegangen. Schon die vielen Geschäfte, die wir aus Deutschland nicht kannten, haben den Besuch lohnenswert gemacht.
Ann ist schließlich bei Victoria’s Secret fündig geworden und hat sich ein Parfüm kaufen wollen. Auf den Schildern stand: „Buy 2, get 3 free.“ Also hat sie sich drei verschiedene Düfte ausgesucht. Die Verkäuferin versuchte zunächst vergeblich, sie davon zu überzeugen, doch noch zwei weitere mitzunehmen. Ann blieb allerdings hartnäckig. Erst nach einiger Zeit ist uns allen klar geworden, dass nicht etwa das dritte Parfüm kostenlos war, sondern tatsächlich gleich drei zusätzliche. Also: Zwei kaufen, fünf mitnehmen. Muss man nicht verstehen…
Anschließend haben wir uns langsam auf den Rückweg gemacht und sind in Richtung Hotel geschlendert. Unterwegs haben wir noch ein paar Spiele ausprobiert, die für die Fußballfans aufgebaut worden sind. Gegen 15:30 Uhr sind wir wieder im Hotel angekommen.
Hier hat sich unsere zentrale Lage erneut bezahlt gemacht. Nach einer kurzen Pause machten wir uns noch auf den Weg zum Granville Island Market, der etwa 30 Minuten zu Fuß entfernt lag. Gut, dass wir das noch gemacht haben.
Zunächst haben wir den Kids Market besucht – ein zweistöckiges Gebäude voller Geschäfte für Kinder. Nele war dort regelrecht im Paradies und hat überhaupt nicht gewusst, wo sie zuerst hinschauen sollte. Am Ende hat sie sich aber für nichts entscheiden können und so sind wir nach einer Weile weitergezogen.
Vorbei an Markthallen mit frischem Fisch, Kunstgalerien und Geschäften mit Musikinstrumenten sind wir schließlich in die große Markthalle gekommen. Die unzähligen Gerüche und die vielen Marktstände mit Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch und anderen Köstlichkeiten beeindruckten uns wirklich. Für das Frühstück am nächsten Morgen haben wir uns noch mit ein paar Kleinigkeiten eingedeckt.
Nele und ich haben uns anschließend dafür entschieden, mit dem Aquabus zurückzufahren – einer kleinen Personenfähre, die über den False Creek pendelt. Ann wäre vermutlich eher mit einer Bleiweste hinübergeschwommen, als sich mit uns auf das Boot zu setzen. Deshalb ist sie ganz entspannt zurück zum Hotel gejoggt.
Zurück im Hotel war Nele an ihrer Belastungsgrenze angekommen. Nach einer entsandenden Dusche spielten wir noch etwas Karten, ehe Nele gefühlt noch vor dem Zudecken einschlief.
Da an diesem Abend die Vancouver Summer Nights ihren Höhepunkt erreicht hatten, fand an der English Bay ein großes Feuerwerk statt. Während Ann sich mit einem Buch zurückzog, habe ich mich noch einmal auf ein Leihrad geschwungen.
Schnell kam ich an der English Bay und hab mich ein wenig an die Cranger Kirmes erinnert gefühlt. Überall Foodtrucks und Verkaufsstände und unzählige Menschen die sich durch die Straßen drängten. Einen Platz am ohnehin schon völlig überfüllten Strand zu finden, war gar nicht so einfach. Pünktlich zum Beginn des Feuerwerks hatte ich aber Glück und noch einen guten Platz gefunden.
Das rund 20-minütige Musikfeuerwerk über dem Meer bildete den perfekten Abschluss dieses großartigen Tages.
Der Rückweg hat sich allerdings deutlich schwieriger gestaltet. Zahlreiche Straßen waren weiträumig gesperrt, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als gemeinsam mit Tausenden anderen Menschen zurück nach Downtown zu laufen. Viele hatten Musikboxen dabei und feierten friedlich mitten auf der Straße. Die Stimmung war ausgelassen und gleichzeitig erstaunlich entspannt.
Kurz vor Mitternacht bin ich schließlich wieder im Hotel angekommen. Morgen werden wir Vancouver verlassen und endlich unsere Rundreise durch Westkanada beginnen. Besser hätte unser Abschlusstag in dieser großartigen Stadt kaum sein können.