Um sieben Uhr klingelte heute Morgen der Wecker. Der Tag war schon ziemlich verplant, deshalb standen wir heute wieder etwas zeitiger auf, um auch alles Geplante durchführen zu können. Doch der erste Blick aus unserem Hotelzimmer trübte die Stimmung etwas. Es war schon relativ hell und es regnete in Strömen. Irgendwie komisch, dass immer dann, wenn wir eine Bootsfahrt geplant hatten, das Wetter nicht mitspielen wollte. Gleiches hatten wir auch in den letzten Jahren in Österreich erlebt. Naja, schade, aber es würde bestimmt dennoch schön werden.
Wie zuletzt auch, mussten wir Nele mehrfach zum Aufstehen ermutigen. Dennoch waren wir kurz nach 7:30 Uhr fertig. Die Regenjacken an, das Frühstück fürs Auto eingepackt und los ging’s.
Mit dem Auto fuhren wir in Richtung Maligne Lake. Gleichzeitig hatten wir eigentlich gehofft, auf der landschaftlich wunderschönen Strecke einige Wildtiere zu sehen. Doch ob die bei diesem Regen Lust hatten, sich zu zeigen, glaubten wir alle nicht. Dennoch hielten wir so gut es ging die Augen offen. Durch den heftigen Regen konnten wir allerdings noch weniger in der Ferne erkennen.
Etwas enttäuscht fuhren wir also in Richtung See, ehe wir plötzlich von hellen Scheinwerfern geblendet wurden. Es standen einige Autos auf der Straße und als wir näher kamen, trauten wir unseren Augen kaum. Da lief doch tatsächlich mitten auf der Straße ein großer Grizzly ganz entspannt in unsere Richtung. Wir hielten natürlich sofort an und machten Fotos. Es regnete zwar ins Auto hinein, doch das war es wert. Was für eine Begegnung!
Kurz hinter unserem Auto lief der große Bär wieder in den Wald. Ein erster kleiner Trost für dieses Mistwetter. Und die Grizzlys schienen heute echt Mitleid mit uns zu haben, denn nur wenige Kilometer später konnten wir einen weiteren großen Braunen beim Fressen in den Beerenbüschen beobachten. Das entschädigte schon jetzt etwas für den Regen.
Dieser wurde glücklicherweise auch etwas weniger, je näher wir dem Maligne Lake kamen. Gegen 8:45 Uhr kamen wir am See an. Unsere Bootsfahrt sollte um 9:15 Uhr starten. Ann hatte sich gegen die Schifffahrt entschieden und wollte stattdessen lieber spazieren gehen. Wir frühstückten im Auto noch in Ruhe und Nele und ich gingen zum Bootsanleger.
Der See lag noch in den Wolken versteckt, als wir schließlich gerade aufs Boot gehen wollten. Doch da kam das nächste Tier mit Mitleid. Am Seeufer konnten wir einen Elch mit Kalb beobachten. Da suchen wir Tagelang und hier stehen einfach gleich zwei. Damit hatten wir die „Big Five“ hier in den Rockies eigentlich alle einmal gesehen – wenn man einmal vom Puma und Wolf absah, die wirklich selten zu beobachten waren.
Begeistert nahmen wir an Bord Platz. Unser Guide und unsere Kapitänin starteten pünktlich und erzählten uns während der Fahrt einige spannende Informationen über den See und die Umgebung. Nele hatte auch wieder ein Heft erhalten, um ein weiteres Badge zu ergattern. Sie war also erst einmal beschäftigt.
Inzwischen hatte es zumindest aufgehört zu regnen, doch der See lag noch im Regendunst. Die umliegenden Berge hatten alle noch tiefhängende Wolken vor sich hängen. Doch das Wasser strahlte auch jetzt schon in seinem markanten Türkis. Unterwegs konnten wir einige Kanuten sehen.
Ziel der Bootsfahrt war Spirit Island. Diese sehr fotogene kleine Stelle im See war meistens zwar keine Insel, doch an wenigen Tagen im Jahr wurde der Zugang zum Land überspült. Hier bot sich ein wirklich spektakuläres Panorama.
Wir legten an und konnten uns eine halbe Stunde dort aufhalten. Ein kleiner Wanderweg führte zu einem schönen Viewpoint. Nele hatte Spaß daran, am Ufer nach flachen Steinen zu suchen. Wir machten einige Fotos und waren froh, dass der Himmel nach und nach aufhellte und der Regen ausblieb.
Als unser Schiff wieder hupte, gingen alle wieder an Bord und die Fahrt zurück über den tiefsten See der Rockies begann. Nele hatte ihr Ranger-Heftchen vervollständigt und wir ließen uns den Fahrtwind um die Nase wehen. Inzwischen waren auch einige andere Schiffe unterwegs und sorgten zwischendurch wenigstens manchmal für etwas Wellengang.
Kurz vor Ende unserer Fahrt konnten wir Ann am Ufer sehen und zuwinken, die einen kleinen Rundweg gewandert war. Als wir angelegt hatten, bekam Nele auch ihr ersehntes viertes Badge. Stolz präsentierte sie es Mama an Land.
Inzwischen kam auch etwas die Sonne heraus und ließ endgültig das schlechte Wetter des Morgens vergessen. Wir konnten Nele sogar überreden, dass wir noch einen gemeinsamen Loop liefen. Wir entschieden uns für den Mary Schäfer Loop, der zunächst am Seeufer und anschließend durch den Wald zurückführte. Hier konnte man ab und zu Elchen und Bären begegnen.
Wir hatten uns gestern extra eine kleine Bärenglocke besorgt, damit zumindest ein besseres Gefühl bei einsamen Wanderungen mitlief. Unterwegs begegnete uns allerdings kein weiteres Tier.
Zurück am Bootsanleger schauten wir noch im Shop vorbei, wo Nele sich von ihrem Urlaubsgeld ein Souvenir kaufte. Inzwischen war es bereits Mittag geworden und wir holten uns noch einen kleinen Snack, ehe wir wieder weiterfuhren.
Auf dem Rückweg konnten wir die schöne Umgebung wesentlich mehr genießen, da inzwischen die Sonne schien und der Regen verschwunden war. Wir konnten keine weiteren Tiere beobachten, dafür aber an einigen Stellen anhalten und die spektakulären Blicke genießen.
Einen längeren Stopp legten wir am Medicine Lake ein, wo wir ein Reh beim Grasen überraschten und einige Murmeltiere fanden. Weiter ging es zum Maligne Lookout. Hier hatten wir eher einen traurigen Stopp.
Wir konnten zwar wirklich recht weit schauen, doch sah man eigentlich in alle Richtungen nur verbrannte Bäume. Ein Infostand von Parks Canada war ebenfalls vor Ort. Beim großen Feuer in Jasper vor zwei Jahren waren rund 36.000 Hektar Wald verbrannt.
Um sich vorstellen zu können, wie groß diese Fläche war: Das entspricht ungefähr der Fläche Kölns oder etwa 50.000 Fußballfeldern. Schön war zu sehen, dass inzwischen wieder Grün wuchs. Dennoch würde es sicher noch Jahrzehnte dauern, bis hier wieder ein richtiger Wald entstehen würde.
Wir fuhren weiter zum Lake Annette. Hier ging es zunächst auf den Spielplatz. Wir konnten eine vorbeilaufende Hirschherde beobachten und gingen anschließend zum Wasser.
Hier sollte eigentlich ein Strand sein, doch die Sitzgelegenheiten standen irgendwie alle im Wasser. Also Schuhe aus und im Wasser einen Platz suchen. Nele baute im Sand etwas und wir genossen die Sonne, die inzwischen den Tag wirklich retten konnte.
Im Wasser ging ein weiterer Hirsch spazieren, den ich mir aus der Nähe anschauen ging. Wir blieben etwa eine Stunde am See, fuhren dann aber weiter und kamen wieder in Jasper an.
Es war noch etwas früh und wir entschieden uns, noch zu einem weiteren See zu fahren. Der Pyramid Lake lag oberhalb von Jasper. Hier hielten wir allerdings nur noch kurz und gingen etwas am Wasser spazieren. Nele hatte auf dem Weg einen Spielplatz orten können, den wir schließlich auch noch ansteuerten.
Nach einer gemeinsamen Spielrunde machten wir noch am schönen Ortseingangsschild ein Bild. Das brauchen wir in Deutschland auch – die vielleicht beste Werbemöglichkeit überhaupt.
Zurück im Hotel ruhten wir uns erst einmal alle etwas aus. Immerhin waren wir wieder beinahe zehn Stunden unterwegs gewesen. Gegen Abend gingen wir erneut zur Jasper Brewing Company, weil es uns dort gestern so gut gefallen hatte. Wir aßen noch einmal gemeinsam und spielten eine Runde Uno. Nele und ich ließen Ann gewinnen – so machte man das eben aus Höflichkeit …
Auf dem Rückweg gingen wir noch am Bahnhof vorbei und schauten uns dort etwas um. Zurück im Hotel fiel Nele wieder einmal nur so ins Bett.
Morgen sind alle Wecker ausgestellt. Wir haben zwar noch einiges hier vor, doch würden wir auch den Jasper National Park verlassen und unsere Fahrt fortsetzen. Damit das alles klappt, würden wir sicherheitshalber mal die Zeitzone wechseln und dadurch ja sogar eine Stunde gewinnen.
So, nun aber: Gute Nacht, Jasper!