Durch Feuer und Wüste nach Whistler

Heute stand also unsere erste echte „Fahrnacht“ auf dem Programm. Nachdem wir gestern Abend noch nach Kamloops Downtown zum Essen gefahren waren, waren wir uns alle ziemlich schnell einig: Noch einen weiteren Tag mussten wir hier wirklich nicht verbringen. Irgendwie wurden wir mit Kamloops einfach nicht warm. Wahrscheinlich waren wir nach den letzten Tagen aber auch schlicht etwas verwöhnt, was beeindruckende Landschaften, Seen, Berge und hübsche Orte anging. Kamloops wirkte auf uns eher wie eine Großstadt, die zufällig mitten in der Wüste gelandet war. Sicherlich gab es auch hier ein paar nette Ecken zu entdecken, aber unsere Zeit wurde ja langsam knapp – und schließlich wollten wir nicht anfangen, Sehenswürdigkeiten nur noch nach dem Motto „Wir waren auch da“ abzuhaken.

Also ging es heute Morgen bereits um 7:30 Uhr zum Frühstück ins Office. Dort konnten wir uns an einem kleinen Automaten sogar selbst Pancakes machen. Dazu gab es Bananen, Muffins in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen, Saft und Müsliriegel. Kulinarisch also eher die Kategorie „Wir werden satt“, aber für einen Start in den Tag völlig ausreichend. Immerhin konnten wir draußen in der Sonne sitzen und dabei auf die umliegenden Berge schauen. So ließ es sich aushalten.

 

Nach dem Frühstück holten wir unsere Koffer, verstauten alles im Auto und brausten los.

Die Besonderheit des heutigen Tages bestand darin, dass wir mitten durch das von Waldbränden betroffene Gebiet im Westen fahren mussten. Es war im Vorfeld nicht ganz klar gewesen, ob wirklich alle Straßen passierbar sein würden. Bereits kurz nach dem Start tauchten die ersten Hinweistafeln mit gesperrten Highways auf. Auf den ersten Blick schien unsere Route zwar nicht betroffen zu sein, trotzdem waren wir etwas angespannt. Schließlich hatten wir in den vergangenen Tagen immer wieder die Bilder aus der Okanagan-Region gesehen.

Kaum hatten wir Kamloops verlassen, veränderte sich die Landschaft erneut. Alles wirkte extrem trocken und fast wüstenähnlich. So ungefähr stellten wir uns Texas vor.

Unsere heutige Strecke nach Whistler war rund 350 Kilometer lang. Die erste Hälfte wollte ich fahren. Ann hatte etwas Respekt vor den vielen Serpentinen im zweiten Teil der Strecke und wollte dort lieber selbst ans Steuer. Eine Entscheidung, die sich später noch als sinnvoll herausstellen sollte.

 

Je weiter wir fuhren, desto schlechter wurde die Luft. Der Rauch nahm von Kilometer zu Kilometer zu, bis wir irgendwann wirklich kaum noch mehr als 200 Meter weit sehen konnten. Draußen roch es intensiv nach brennendem Nadelholz – oder, je nach persönlicher Wahrnehmung, nach einem gigantischen Holzkohlegrill.

Nach einer Weile erreichten wir Cache Creek. Nicht unbedingt einen Ort, bei dem man normalerweise sagen würde: „Hier müssen wir unbedingt anhalten.“ Allerdings fiel uns hier eine riesige Zeltwiese auf. Zunächst fragten wir uns noch, warum ausgerechnet hier in dieser ziemlich trostlosen Gegend so viele Menschen freiwillig zelten sollten.

Die Erklärung folgte kurz darauf: Es handelte sich um das Fire Camp der Region.

 

Am Rand standen zahlreiche Feuerwehrautos. In den Zelten waren die Feuerwehrleute untergebracht, die von hier aus zu ihren Einsätzen in den betroffenen Gebieten fuhren. Ein ziemlich beeindruckender Anblick – und gleichzeitig eine deutliche Erinnerung daran, wie nah die Waldbrände tatsächlich waren.

Von dort folgten wir wieder dem Highway 1 in Richtung Süden bis nach Lytton. Kurz vor dem Industriedorf Lillooet kam dann der große Moment: Ann übernahm das Steuer.

Etwas mehr als die Hälfte der Strecke lag hinter uns, doch nun warteten noch rund 130 Kilometer auf dem Highway 99 durch die Berge. Wir hielten unterwegs noch an zwei Aussichtspunkten. Von „Aussicht“ konnte allerdings kaum die Rede sein. Der Rauch war inzwischen so dicht, dass wir weder besonders weit sehen noch besonders gut atmen konnten. Wir hofften einfach nur, dass es in Whistler besser werden würde.

Immerhin war inzwischen ziemlich klar, dass unsere Straße bis zum Ziel nicht gesperrt werden würde. Und tatsächlich veränderte sich die Landschaft langsam wieder. Mit jedem Höhenmeter wurde die Sicht besser. Offenbar hielten die hohen Berge den Rauch irgendwann zurück, denn spätestens nach dem zweiten oder dritten umfahrenen Gipfel klarte es allmählich auf. Auch die Landschaft wurde wieder deutlich grüner und waldiger.

Wir hatten das Wüstental also hinter uns gelassen.

 

Ein durchaus interessanter Streckenabschnitt, aber sowohl wegen der schlechten Luft als auch wegen der wechselnden Wetter- und Sichtverhältnisse waren wir froh, wieder aus diesem Gebiet herauszukommen.

Nach den ersten Serpentinen legten wir schließlich einen längeren Stopp am Duffey Lake ein. Besonders spannend waren die unzähligen Baumstämme, die einen natürlichen Damm zum angrenzenden Cayoosh Creek bildeten. Natürlich konnten wir es nicht einfach bei Anschauen belassen. Wir kletterten ein wenig über die riesigen Stämme, warfen ein paar Steine ins Wasser und machten es uns anschließend mit unserem zweiten, diesmal deutlich gesünderen Frühstück gemütlich.

Erdbeeren und Brote waren jetzt angesagt. Nach Pancakes und Muffins am Morgen musste schließlich auch mal etwas Vitamine in die Mannschaft – gut es waren auch ein paar Kekse dabei.

 

Nach der längeren Pause ging es auf den letzten Abschnitt unserer heutigen Tagestour.

Nun waren wir wieder im klassischen wilden Kanada angekommen: Wasserfälle, reißende Bäche und Flüsse, riesige Seen und überall Berge. Genau so hatten wir uns Kanada ja eigentlich vorgestellt.

Gegen 14:30 Uhr erreichten wir schließlich Whistler.

Unser Hotelzimmer im Adara Hotel war leider erst ab 16 Uhr bezugsfertig, also stellten wir den Wagen in der Tiefgarage ab und beschlossen, zunächst eine Runde durch den Ort zu drehen.

Schnell wurde klar: Whistler ist ein typischer Skiort. Und zwar einer, der offensichtlich sehr viel Wert darauf legte, gut auszusehen. Alles wirkte unglaublich gepflegt und sauber. Wir schlenderten durch das Village, schauten in ein paar Geschäfte und genossen die Sonne. Mit knapp 28 Grad war es inzwischen richtig warm.

Natürlich durfte auch das obligatorische Foto mit den olympischen Ringen im Olympic Plaza nicht fehlen. Schließlich fanden hier bei den Olympischen Winterspielen 2010 die alpinen Skiwettbewerbe und zahlreiche weitere Wettbewerbe statt. Vermutlich wurde zu diesem Anlass auch ordentlich Geld in die Verschönerung des Ortes gesteckt.

 

Ann und Nele gönnten sich noch ein Eis, während wir kurz überlegten, ob wir vielleicht doch noch mit der Gondel auf den Berg fahren sollten. Allerdings war es inzwischen bereits Viertel nach vier. Für eine entspannte Besichtigung wäre es damit ziemlich knapp geworden – und bei den stolzen Preisen für die Bergfahrt entschieden wir uns dann doch lieber dafür, das Geld in unserer Reisekasse zu lassen.

Also ging es langsam zurück zum Hotel.

Dort erwartete uns eine ziemlich großartige Überraschung.

Unser Zimmer war ein sensationelles Loft. Unten hatte Nele eine große Schlafcouch direkt vor einem riesigen Fenster mit Blick auf die Berge. Dazu gab es einen schönen elektrischen Kamin. Ann und ich hatten oben ein eigenes Schlafzimmer und sogar eine kleine Dachterrasse.

Kurz gesagt: Wir hatten schon deutlich schlechter gewohnt.

Nach dem langen Autofahren und unserer warmen Stadtrunde beschlossen wir deshalb, zunächst den Pool zu testen. Dieser befand sich ebenfalls auf dem Dach und bot einen tollen Blick auf die Berge. Inzwischen hatten wir uns mit unseren neuen Bekannten zum Abendessen verabredet. Wir wollten uns in der Old Spaghetti Factory treffen.

Nele freute sich dabei schon riesig auf Jasper.

Doch vorher hieß es erst einmal: ab in den Pool!

 

Nele und ich tobten ordentlich herum, bevor es zum Aufwärmen in den Hot Tub ging. Und natürlich blieben wir dort wieder bis kurz vor knapp. Man könnte schließlich auch einfach rechtzeitig gehen – aber das wäre ja langweilig gewesen.

Frisch geduscht machten wir uns am Abend wieder auf den Weg ins Village.

Die Begrüßung zwischen Nele und Jasper fiel ungefähr so aus, als hätten sie sich nicht erst auf dieser Reise kennengelernt, sondern wären seit mindestens 20 Jahren beste Freunde.

Beide hatten sich offensichtlich schon sehr auf das Wiedersehen gefreut.

Da wir noch knapp eine halbe Stunde auf unseren Tisch warten mussten, gingen wir gemeinsam noch einmal ins Village. Die beiden Kinder tobten herum, spielten mit ihren mitgebrachten Kuscheltieren und hatten offenbar keinerlei Verständnis dafür, dass wir irgendwann mal sitzen und essen wollten.

Dann war es endlich so weit.

Nele freute sich besonders darauf, endlich mal wieder Nudeln zu essen. Die Clam Chowder, eine typische kanadische Suppe mit Meeresfrüchten, schmeckte ebenfalls richtig gut. Überhaupt waren wir alle positiv überrascht – das Essen war deutlich besser, als wir es bei einer eher touristisch geprägten Restaurantkette erwartet hatten.

Während des Essens unterhielten wir uns über unsere bisherigen Reiseerlebnisse und natürlich auch über die Schule. Jasper würde nach der Reise eingeschult werden, weshalb Nele schon einmal einige wichtige Tipps aus ihrem ersten Jahr weitergeben konnte.

Die Zeit verging viel zu schnell.

 

Die anschließende Trennung fiel den beiden Kindern dann auch entsprechend schwer. Da wir am nächsten Morgen bereits weiter nach Vancouver Island fahren würden, Jasper und seine Eltern aber noch eine weitere Nacht in Whistler blieben, war nicht klar, ob wir uns überhaupt noch einmal sehen würden.

Also wurden Telefonnummern ausgetauscht. Vielleicht klappt es ja tatsächlich irgendwann einmal mit einem Treffen in Deutschland.

Zurück im Hotel holte ich mir noch das Gratisbier an der Bar ab. Danach waren wir alle ziemlich erschöpft und fielen müde ins Bett.

Morgen wartet ja bereits der nächste große Reisetag auf uns.

Und für Ann vor allem eine Sache, die ihr schon seit Tagen Bauchschmerzen bereitete: die Fährfahrt. Sie konnte schon jetzt kaum einschlafen, weil sie genau wusste, was am nächsten Tag auf sie zukommen würde.

Aber gut – wir würden sehen, wie schlimm es wirklich werden würde.

Oder anders gesagt: Fortsetzung folgt … auf dem Wasser.

 

 
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© Frederic Linker