Vom Rauch in den Blackout – Ankunft in den Rocky Mountains

Zwar war Kelowna nur als Zwischenübernachtung geplant, doch das hieß natürlich nicht, dass wir es uns dort nicht trotzdem gemütlich machen konnten. Alle hatten gut geschlafen, sodass wir den Morgen ganz entspannt angehen konnten. Erneut stand eine längere Autofahrt auf dem Programm – unser Ziel waren nun endgültig die Rocky Mountains.

Noch im Bett suchten wir nach der besten Route für den Tag und mussten dabei leider eine E-Mail unserer heutigen Unterkunft lesen. Darin wurden wir über einen großflächigen Stromausfall informiert. Durch die zahlreichen Waldbrände in der Region war offenbar eine Hauptstromleitung beschädigt worden. Seit dem Vorabend waren die Stadt Golden und die umliegenden Gemeinden ohne Strom. Da wir jedoch noch mindestens vier Stunden Fahrt und ein ausgiebiges Frühstück vor uns hatten, machten wir uns zunächst keine allzu großen Sorgen.

Zum Frühstück hatten wir am Vortag frisches Brot, Müsli und Obst im Supermarkt gekauft. So stärkten wir uns in Ruhe für die bevorstehende Fahrt. Nachdem das Gepäck verstaut und das Auto beladen war, machten wir noch einen kurzen Halt bei Tim Hortons, damit Ann ihren Latte Macchiato bekam. Anschließend wollten wir noch einmal einen Blick auf den Okanagan Lake werfen – diesmal bei völliger Ruhe. Kaum zu glauben, dass an genau dieser Stelle weniger als zwölf Stunden zuvor noch ein heftiger Sturm getobt hatte und nun sommerliche Stille herrschte.

 

 

Mit der Drohne entstanden noch einige schöne Aufnahmen vom Okanagan Valley und der Stadt Kelowna. Anschließend genossen wir noch einen kurzen Moment am Sandstrand, bevor wir nach einem kurzen Tankstopp – das Benzin kostete hier übrigens umgerechnet nur etwa 1,20 Euro pro Liter – wieder auf den Highway 1 in Richtung Osten fuhren.

Schon wenige Kilometer außerhalb der Stadt wurde die Luft erneut deutlich diesiger. Teilweise war der Rauch so dicht, dass die umliegenden Berge kaum noch zu erkennen waren. Elektronische Hinweistafeln machten darauf aufmerksam, dass der Highway 97 aufgrund eines Waldbrandes gesperrt worden war. Schnell prüften wir unsere Alternativen und konnten glücklicherweise auf den Highway 97A ausweichen. Doch auch dort war die Luftqualität so schlecht, dass wir die Lüftung nicht normal laufen lassen konnten. Im Radio hörten wir schließlich, dass der Waldbrand im Valley weiterhin außer Kontrolle war und allein über Nacht um weitere 25 Hektar gewachsen war.

 

An einem Aussichtspunkt hielten wir dennoch kurz an, um den Blick über das Tal und einen wunderschönen See zu genießen. Bis hierhin war Ann gefahren, nun übernahm ich wieder das Steuer.

Von diesem Punkt an wurde die Luft glücklicherweise langsam wieder besser. Wir verließen das Okanagan Valley und fuhren immer weiter in die Bergwelt hinein. Witzigerweise überquerten wir unterwegs auch eine Zeitzone. Innerhalb eines Augenblicks sprang unsere Uhr um eine Stunde nach vorne – wir hatten die Mountain Time erreicht.

Einen weiteren ungeplanten Stopp legten wir schließlich in Revelstoke ein. Nicht etwa, weil wir Hunger, Durst oder einen leeren Tank gehabt hätten, sondern weil elektronische Informationstafeln darauf hinwiesen, dass östlich von Revelstoke der Stromausfall weiterhin anhielt. Tankstellen, Supermärkte und Restaurants waren dort geschlossen, weil weder Zapfsäulen, Kassensysteme noch Küchen funktionierten. Also entschieden wir uns sicherheitshalber noch einmal vollzutanken – eine Entscheidung, die offenbar nahezu alle Reisenden trafen. Entsprechend lang waren die Schlangen an den beiden Tankstellen des kleinen Ortes. Während ich geduldig wartete, vertrieben sich Ann und Nele die Zeit auf dem angrenzenden Spielplatz.

 

Übrigens wünsche ich mir die kanadischen Zapfsäulen auch für Deutschland: bezahlen, tanken und direkt weiterfahren – alles funktioniert bequem an der Säule.

Von Revelstoke waren es nun noch rund 160 Kilometer bis nach Golden. Dort hatten wir für die nächsten drei Nächte eine Lodge gebucht. Spätestens jetzt wurde bereits die Fahrt selbst zu einem echten Highlight. Hinter nahezu jeder Kurve eröffneten sich neue Ausblicke auf schneebedeckte Gipfel, dichte Tannenwälder und beeindruckende Berglandschaften.

Schließlich passierten wir das Ortsschild von Golden. Fast gespenstisch wirkte es, dass selbst an den größten Kreuzungen sämtliche Ampeln ausgefallen waren. Der Blackout hielt weiterhin an.

Unsere Unterkunft lag etwas oberhalb der Stadt im Kicking Horse Mountain Resort. Dafür mussten wir noch einige Höhenmeter zurücklegen und eine spannende einspurige Holzbrücke über den Columbia River überqueren.

Eigentlich hatten wir die Palliser Lodge gebucht, doch offenbar waren wir kurzfristig in die Aspens Lodge umgebucht worden. Ein klassischer Check-in war nicht notwendig. Bereits im Vorfeld hatten wir einen Zugangscode erhalten, mit dem wir die Unterkunft betreten konnten – offenbar funktionierte das Türschloss über einen Akku.

 

Schon auf den ersten Blick waren wir begeistert. Offenbar hatten wir sogar ein Upgrade erhalten. Unsere Unterkunft verfügte über einen großen Balkon mit Grill und eigenem Hot Tub. Nele bekam ihr eigenes Zimmer mit Hochbett und insgesamt war alles sehr liebevoll eingerichtet.

Es gab allerdings einen entscheidenden Haken: Strom gab es weiterhin keinen.

Während wir uns in Ruhe einrichteten, klopfte es an der Tür. Die ausgesprochen freundliche Vermieterin entschuldigte sich für die Umstände und hatte leider keine guten Nachrichten. Niemand konnte sagen, wann der Strom zurückkehren würde. Sie bot uns sogar an, kostenlos zu stornieren und weiterzufahren.

Also begannen wir zu überlegen. Ohne Strom funktionierte weder der Kühlschrank für unsere Lebensmittel noch war Einkaufen oder Tanken möglich. Auch viele der von uns geplanten Sehenswürdigkeiten waren wegen des Stromausfalls geschlossen. Gleichzeitig war das Handynetz hier oben äußerst schlecht und kurzfristig eine andere Unterkunft zu finden wäre vermutlich nur zu deutlich höheren Preisen möglich gewesen. Deshalb entschieden wir uns, mindestens die erste Nacht auf jeden Fall zu bleiben. Zwei geladene Powerbanks hatten wir noch dabei und für das Frühstück reichten unsere Vorräte ebenfalls.

Also hieß es: das Beste aus der Situation machen.

 

Der Hot Tub auf unserem Balkon war so gut isoliert, dass das Wasser selbst fast 24 Stunden nach Beginn des Stromausfalls noch angenehm warm war. Also ließen wir den Tag dort mit herrlichem Blick auf die Berge entspannt ausklingen.

Gegen 20 Uhr waren wir alle vom ereignisreichen Fahrtag ziemlich erschöpft. Mit unseren Taschenlampen kamen wir problemlos durch die dunkle Wohnung. Ich legte mich noch ein wenig zu Nele, die oben in ihrem Hochbett bereits eingeschlafen war.

Es musste gegen 21:30 Uhr gewesen sein, als plötzlich der Raum hell erleuchtet wurde. Im ersten Moment dachte ich, Nele hätte ihr Tablet eingeschaltet und bat sie, es wieder auszumachen. Doch sie reagierte nicht – sie schlief längst tief und fest. Erst beim genaueren Hinsehen bemerkte ich, dass nicht das Tablet leuchtete, sondern die Deckenlampe.

Der Strom war zurück!

Ann und ich schlossen sofort sämtliche Geräte an die Steckdosen, um Akkus und Powerbanks wieder aufzuladen. Anschließend ließ ich den Abend noch entspannt vor dem Elektrokamin ausklingen und plante den nächsten Tag neu. Nun würden wir definitiv bleiben können.

Morgen wollten wir endlich das erleben, worauf wir uns die ganze Reise gefreut hatten: das „echte Kanada“.

 
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© Frederic Linker