Der letzte große Roadtrip-Tag

Da war er also gekommen … unser letzter großer Fahrtag. Irgendwie kam schon heute Morgen etwas Wehmut auf. So gut hatten uns die letzten knapp zweieinhalb Wochen gefallen. Aber noch war ja nicht Schluss.

Wir ließen es heute Morgen etwas ruhiger angehen und hatten bewusst wieder auf den Wecker verzichtet. Tatsächlich blieben wir alle etwas länger liegen und konnten so ein wenig die Anstrengungen der letzten Tage und Wochen abschütteln. Bei leichtem Meeresrauschen wurde man morgens einfach anders wach als von Autos, Bahnstrecken oder Baustellenlärm.

 

Wir standen also in Ruhe auf und führten ein inzwischen schon ritualisiertes Kofferpacken durch. Die sauberen Sachen waren inzwischen etwas rarer geworden, aber dennoch fanden wir noch das eine oder andere tragbare Kleidungsstück. Die Koffer waren schnell geschlossen und im Auto verstaut. Wir toasteten unser inzwischen einige Tage altes Brot und nahmen es mit an den Strand, wo wir die herrlichen Sonnenstrahlen zum Frühstück nutzten. Der Wind war allerdings deutlich kräftiger und frischer als gestern geworden.

Nach dem Frühstück ging es dann auch los. Auf dem Navi wurden uns 251 Kilometer angezeigt. Ann fing heute einmal an zu fahren, während ich mir die Umgebung anschauen konnte und Nele schon wieder ihre Kopfhörer aufhatte und in den Reisemodus geschaltet hatte.

 

Spätestens ab dem Inland Highway wurde es dann weniger spannend. Wir fuhren bis Parksville und machten hier eine längere Pause, um noch einen Abstecher an den Strand zu machen. Wir hielten in der Nähe eines Spielplatzes und schlenderten über das riesige Watt, das uns stark an unsere Nord- oder Ostsee erinnerte. Eine Sandburg und zahlreiche Klettereien später gingen wir wieder zum Auto und fuhren weiter.

Der Verkehr nahm ab hier deutlich zu und so brauchten wir für die letzten 70 Kilometer bis Victoria tatsächlich rund 75 Minuten. Wir tauschten noch schnell die Fahrer und ich fuhr das letzte Stück in die Stadt und zu unserem Hotel.

 

Gegen 15 Uhr kamen wir an und wurden sehr herzlich begrüßt. Der nette Hotelmitarbeiter mit langem, weißem Rauschebart, Fahrradhandschuhen und lustigem Zopf zeigte uns den Weg zu unserer Wohnung. Tatsächlich hatten wir für die kommende Nacht eine ganze Wohnung für uns: Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Bad – etwa 65 Quadratmeter. Nele sicherte sich gleich wieder die Schlafcouch und bestand darauf, auch hier wieder alleine schlafen zu dürfen.

Wir stellten die Koffer und alles Weitere ab, wollten aber gar nicht so viel Zeit im Zimmer verbringen, sondern die verbleibenden Stunden nutzen, um uns die Stadt anzuschauen. Unser „James Bay Inn“ lag dafür perfekt, denn von hier aus konnten wir praktisch alle wesentlichen Sehenswürdigkeiten der Stadt zu Fuß erreichen.

 

Also starteten wir ins Abenteuer und steuerten zunächst das Regierungsgebäude von British Columbia an, das unmittelbar am Inner Harbour lag. Leider waren alle Führungen bereits ausgebucht, aber auch von außen machte das Gebäude ordentlich etwas her. Wir machten ein paar Fotos und gingen anschließend weiter zum Hafen, der quasi direkt gegenüberlag.

Überall gab es toll angelegte Blumenbeete, kleine Buden mit lokalen Kunsterzeugnissen und leckeres Eis. Wir holten uns alle eins und setzten uns damit in die Sonne am Hafen, mit Blick aufs Wasser. Hier konnte man allerhand beobachten und einfach die Zeit genießen.

Weiter ging es in Richtung Government Street, wo wir in ein paar kleine Geschäfte schauten und durch die autofreie Gasse bummelten. Victoria gefiel uns immer besser.

 

In der Nähe des Hafens kauften wir noch ein paar Postkarten und schauten kurz auf einem vietnamesischen Straßenfest vorbei, auf dem es allerlei Leckereien und Besonderheiten aus Vietnam zu kaufen gab. Allerdings war es uns dort zu voll, sodass wir umdrehten und weiter um den Hafen herumgingen.

Wir konnten einigen Wasserflugzeugen beim Landen zuschauen und freuten uns über die vielen kleinen Wassertaxis, die zwischen den Ufern hin und her fuhren. Ann fand das allerdings nicht ganz so witzig, da sie dadurch schon wieder an die morgige Fährfahrt denken musste. Glücklicherweise war die Hinfahrt so gut verlaufen, dass ihre Angst inzwischen deutlich kleiner geworden war. Morgen würde das bestimmt genauso gut werden.

Weiter ging es immer am Wasser entlang in Richtung Fisherman’s Wharf. Dabei handelte es sich um einen aus Hausbooten bestehenden Komplex, der über Holzstege miteinander verbunden war und viele kleine Lokale, Touranbieter und private Hausboote beherbergte. Wir schlenderten eine Runde darüber und gingen anschließend weiter entlang der Küste.

 

Gleich drei riesige Kreuzfahrtschiffe lagen im großen Fährhafen. Scheinbar war es hier entweder günstiger als in Vancouver oder wir hatten dort einfach nicht alle Schiffe gesehen. Am Canada Place konnte schließlich immer nur ein Schiff gleichzeitig anlegen.

Weiter ging es durch den Holland Point Park in den Beacon Hill Park. Einmal rund um unser Viertel waren wir nun gelaufen. Durch den Wind und die untergehende Sonne wurde es merklich kühler. Nele durfte sich auf einem großen Spielplatz im wunderschönen Beacon Hill Park noch einmal richtig austoben, ehe wir die wenigen Meter zurück zum Hotel liefen.

Ziemlich k.o., aber gleichzeitig sehr positiv von der Stadt beeindruckt, legten wir kurz die Beine hoch. Abends wollten wir für Nele noch einmal in die Spaghetti Factory gehen, die wir von unserem Hotel aus gut zu Fuß erreichen konnten. Für 20 Uhr hatten wir einen Tisch reserviert.

Also liefen wir zum Sonnenuntergang noch einmal Richtung Hafen und gingen lecker essen. Nachdem wir alle satt waren, machten wir uns noch einmal auf den Weg zum Wasser. Im Dunkeln war der Hafen wunderschön beleuchtet und inzwischen deutlich leerer. Besonders das Regierungsgebäude wurde nachts mit einer tollen Beleuchtung eindrucksvoll in Szene gesetzt.

 

Die wenigen Minuten zurück zum Hotel fielen uns allen dann allerdings nicht mehr ganz leicht. Wir waren heute wirklich weit gelaufen. Nele fiel todmüde in ihr Bett.

Morgen dürfen wir noch einmal etwas länger liegen bleiben. Unsere Fähre geht erst um 12 Uhr und bis zum Fährhafen hatten wir nur etwa eine halbe Stunde zu fahren. Mal sehen, was wir vorher noch schaffen würden.

 
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© Frederic Linker