Zwischen Fährfahrt, Shopping und Kofferchaos


 

Draußen schüttete es in Strömen. Der Wind peitschte gegen die Fensterläden unserer Unterkunft. Das konnte ja etwas werden heute, wenn wir mit der Fähre zurück nach Vancouver fahren würden. Auch die Fahrt zur Fähre war von Stürmen geprägt. Das Meer war aufgewühlt, und die Wellen schlugen nur so gegen die Deiche. Selbst die größten Fähren wurden von den Wellen ordentlich hin und her gewogen. Anns Gesicht wurde bleicher und bleicher. Schließlich fuhren wir auf die Fähre, und schon jetzt fühlte es sich an wie eine Fahrt mit der Wilden Maus. Wie sollten wir das nur überleben?

Dann ertönte ein lautes, immer wiederkehrendes Hupen. Ann konnte es nicht orten, woher es kam.

 

„Guten Morgen, geht’s dir gut?“

Was war los?-?

Vielleicht hatte Anns Nacht ungefähr so ausgesehen.

Die Realität sah zum Glück völlig anders aus.

Wie schon zu großen Teilen unseres Urlaubs schien auch heute wieder die Sonne, und bei angenehmen 18 Grad war von Sturm und Weltuntergang keine Spur. Die Nacht in unserem überdimensionierten Hotelzimmer war ausgesprochen entspannt gewesen, und so machten wir uns daran, die Koffer wieder abfahrbereit zu machen. Zum vorletzten Mal in diesem Urlaub.

Ann schien heute (anders als im möglichen Traum) bereits deutlich entspannter auf die bevorstehende Fährfahrt zu blicken. Man merkte ihr an, dass sie nicht mehr so gestresst war. Sie hatte sogar Lust auf Frühstück – in Whistler hatte das noch ganz anders ausgesehen. Nele hingegen fand ihr Bett so bequem, dass sie vermutlich am liebsten noch ein paar Stunden liegen geblieben wäre. Doch wir hatten eine feste Fährzeit und wollten vorher noch in Ruhe frühstücken. Die Aussicht auf Essen überzeugte sie dann schließlich doch, und wir waren schnell so weit, dass wir wieder loskonnten.

 

Der überfreundliche Hotelmitarbeiter war sichtlich traurig, uns schon wieder gehen zu lassen. Doch wir hatten nun einmal keine Wahl.

In der Stadt wollte Ann kein Auto fahren, also saß ich wieder am Steuer und wir machten uns auf den Weg zu „Denny’s“. Hier waren wir bisher noch nicht gewesen, doch der Besuch sollte sich lohnen. Mit einer Mischung aus Pancakes, Rührei, Obst und Speck stärkten wir uns für den anstehenden Tag. Auch Ann aß diesmal ganz normal mit, ohne dabei ständig an das Meer und das Schiff denken zu müssen.

Von hier aus waren es nur noch knapp 30 Minuten bis nach Swartz Bay, von wo aus unsere Fähre starten würde. Die Fahrt verlief unspektakulär, und wir waren deutlich vor der geplanten Abfahrt am Hafen. Dort ging alles erstaunlich schnell. Unser Ticket wurde direkt vom Smartphone gescannt, wir durften einfahren und wurden in Reihe 4 eingewiesen.

 

Anders als in Horseshoe Bay gab es hier leider keinen kleinen Ort, den man während der Wartezeit erkunden konnte. Stattdessen standen lediglich ein paar Stände herum, an denen lokale Produkte und Souvenirs angeboten wurden. Nele fand dort noch ein kleines Mitbringsel für ihre Freundinnen zu Hause, bevor wir uns wieder am Auto einfanden und auf unser Schiff warteten.

Nach etwa einer Dreiviertelstunde durften wir schließlich auffahren.

Die „Queen of New Westminster“ war etwas kleiner als das Schiff auf der Hinfahrt, aber immer noch groß genug, dass die heutigen kleinen Wellen wohl kaum zu spüren sein würden. Wir sicherten uns wieder einen Platz auf dem Oberdeck, um die Fahrt in der Sonne und im Wind genießen zu können.

Anns Befürchtungen sollten sich also zum Glück nicht bestätigen. Sie würde sicherlich keine begeisterte Schiffsfahrerin aus Leidenschaft mehr werden, aber zumindest überstand sie die Überfahrt ohne bleibende Schäden.

 

Anders als auf der Hinfahrt fuhren wir nun durch teilweise relativ enge Passagen zwischen den Inseln hindurch. An einigen Stellen waren deutlich stärkere Lenkmanöver nötig, damit unser riesiges Schiff nicht versehentlich auf Grund lief. Wir beobachteten das Ganze entspannt von oben und genossen noch einmal die Aussicht auf die Küste.

Nach etwa 90 Minuten war bereits der Hafen von Tsawwassen in Sicht. Sobald wir langsamer wurden, wurde es auch spürbar wärmer. Kurz darauf durften wir von Bord.

Eine schöne und völlig entspannte Überfahrt hatte damit unseren Ausflug nach Vancouver Island beendet.

Bis zu unserem letzten Hotel waren es eigentlich nur etwa 30 Minuten Fahrt. Allerdings zeigte uns das Navigationssystem schon jetzt einen drohenden Stau an. Außerdem wollten wir unbedingt noch eine große Mall besuchen. Die Tsawwassen Mills lag nur wenige Minuten vom Fähranleger entfernt, weshalb wir sie direkt ansteuerten.

 

Ein Parkplatz war schnell gefunden und schon stürzten wir uns ins Getümmel. Wobei „Getümmel“ eigentlich das falsche Wort war. Im Inneren war es erstaunlich leer, sodass wir ganz entspannt durch die zahlreichen Geschäfte schlendern konnten.

Nele entdeckte dabei alle paar Meter etwas Neues für sich. Mal einen Spielplatz, mal einen Laden und dann wieder irgendwelche Spielzeugautos. Für sie war die riesige Mall offenbar auch schon eine Attraktion für sich.

Auch Ann hatte sich sehr auf den Shopping-Tag gefreut. Leider fand sie am Ende nicht wirklich etwas. Ich hingegen hatte gar nicht vorgehabt, großartig einzukaufen – und kam natürlich mit vollen Tüten wieder heraus.

Zwischendurch holten wir uns in der riesigen Einkaufshalle noch einen kleinen Mittagssnack und drehten eine große Runde durch die Mall. Zwei Stunden später saßen wir schließlich wieder im Auto.

 

Nun mussten wir uns allerdings doch dem angekündigten Verkehr stellen.

Für die knapp 30 Kilometer bis zu unserem Hotel brauchten wir mehr als eine Stunde. Die Rushhour gab es also auch in Kanada.

Gegen 18 Uhr kamen wir dann endlich an unserem letzten Hotel an. Diesmal hatten wir wirklich einen Koloss erwischt. Unser Zimmer lag in der 17. Etage und bot einen weiten Blick über den angrenzenden Highway und die Vororte von Vancouver.

Wir räumten unser Auto komplett leer und schleppten alles mit nach oben. Schließlich mussten wir diesmal nicht nur alles reisefertig für das Auto, sondern sogar flugtauglich verpacken. Und so langsam wurde uns bewusst, dass unser Urlaub tatsächlich seinem Ende entgegenging.

Bevor wir uns allerdings an die Koffer machten, ging es zunächst noch ins Schwimmbad. Dort gab es sogar eine Wasserrutsche. Ann machte es sich lieber im heißen Whirlpool gemütlich, während Nele und ich uns auf die Rutsche stürzten.

Das Schwimmbad war zwar nicht sonderlich voll, dafür aber ziemlich laut. Irgendwann hatten wir davon genug und wechselten in den Außenpool. Dort waren wir tatsächlich ganz für uns allein und konnten noch ein wenig entspannen und Ballspielen.

Als es langsam dämmerte, machten wir uns schließlich wieder auf den Weg nach  oben.

Heute Abend wollten wir ein letztes Mal gemeinsam essen gehen. Da niemand von uns noch große Lust hatte, irgendwohin zu fahren, entschieden wir uns für das Hotelrestaurant. Bei Nudeln, einer Bowl und Rippchen ließen wir den Abend gemütlich ausklingen und begannen gleichzeitig schon einmal, die vergangenen Wochen Revue passieren zu lassen.

 

Nele war inzwischen ziemlich k.o. und fiel zurück im Zimmer schnell todmüde ins Bett.

Ann und ich machten uns noch ein wenig an die Koffer, doch auch uns fehlte inzwischen die große Motivation. Also verschoben wir das endgültige Packen kurzerhand auf den nächsten Tag.

Schließlich hatten wir morgen noch genügend Zeit. Erst um 11 Uhr mussten wir am Flughafen sein, und der lag gerade einmal fünf Fahrminuten von unserem Hotel entfernt.

Also hieß es nun: die letzte Nacht in Kanada genießen.

Und irgendwie fühlte es sich schon ein bisschen komisch an, dass unsere große Reise nun tatsächlich fast vorbei war.

 

 

 

 
Druckversion | Sitemap
© Frederic Linker